Der
Strand ist plötzlich anders. Alles ist anders, alles ist kalt. Ich
vermisse dich so sehr, dass ich das Gefühl habe, der Wind, der vom
Meer auf mich einprescht, könnte durch mich hindurch dringen. Weil
ich mich nicht mehr ganz fühle, könnte er in mich eindringen,
eingreifen. Kai, du bist nicht länger nur in dir, du bist auch in
mir, du fehlst in mir, du bist der Wind, das Brennen und Ziehen. Du
hast mich definiert, ohne dich fühle ich mich unvollständig. Doch
du bist nicht mehr da.
Mit
voller Wucht laufe ich gegen den Wind, Sand fliegt in meine Haare.
Knirschend spüre ich ihn sogar zwischen den Zähnen. Das
Meeresrauschen wird vom Wind verstärkt, wirkt plötzlich wütend und
ganz und gar nicht mehr so zurückhaltend wie bei Ebbe.
Der
Wind ändert seine Richtung. Von hinten schiebt er mich an. Mein Herz
macht einen Sprung als ich kurzentschlossen meine Schuhe ausziehe,
die Hose hochkremple und einfach losrenne. Wie von selbst werde ich
immer schneller, will alles hinter mir zurück lassen, nicht mehr
denken, hoffen, streiten.
Ohne
es zu merken bin ich dem Meer näher gekommen und bin fast
überrascht, als meine Füße auf kaltes Meereswasser treffen. Schwer
atmend werde ich langsamer, bleibe schließlich ganz stehen.
Ich
starre erregt aufs offene Meer, würde weiter hinein waten, wäre da
nicht die Vernunft, die mich zurückhält.
Der
Wind treibt mir Tränen in die Augen – es kümmert mich nicht.
Nicht mehr. Endlich kann ich loslassen, genieße es fast. Ich lasse
los, weine mir den Druck von der Seele. Meine Entscheidung ist es
loszulassen, meine Tränen lassen meinen Körper erzittern und meine
Muskeln entkrampfen sich langsam. Ich sinke auf meine Knien in den
nassen Sand. Der Wind heult laut in meinen Ohren, so laut, dass ich
fast die Stimme hinter mir überhört hätte:
„Da
bist du ja!“
Ich
erkenne sie auf Anhieb. Sie, Kai. Ich bin so aufgelöst, ich will
nicht, dass sie mich so sieht. Ich will nicht, dass –
„Ist
schon okay, Hanna“, murmelt sie. Ich kann das leichte Lächeln
hören, ich weiß ganz genau wie ihre Augen in diesem Moment aussehen
müssen. Ich brauche sie gar nicht anzuschauen – meine Kai.
„Hanna?“,
fragt sie zögernd. Ich neige meinen Kopf leicht, schaue weiter aufs
Meer.
„Hanna,
ich will, dass du weißt, dass ich auf dich warte, solange, bis du
mir antworten kannst. Ich werde aber nicht auf ewig warten, du musst
dich irgendwann“, ihre Stimme wird brüchig, nimmt ab,
„entscheiden.“ Ich kann das Brennen in ihrer Kehle spüren, ich
weiß, wie sie sich fühlt. Ich weiß es so gut, dass mir plötzlich
alles klar wird.
„Kai,
ich habe mich bereits -“, fange ich schnell an, springe auf und
drehe mich um, doch dort ist niemand. Keine flatternden blonden
Haare, keine Kai, keine Fußspuren im Sand.
Sie
war nicht da. Nur eine Einbildung.
Ich
muss sie suchen. Ich … ich muss mich suchen. Ich muss mich finden.
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