Mittwoch, 14. November 2012

PI: Traumtänzerin 14

Geschrieben von petit Indien.




Der Strand ist plötzlich anders. Alles ist anders, alles ist kalt. Ich vermisse dich so sehr, dass ich das Gefühl habe, der Wind, der vom Meer auf mich einprescht, könnte durch mich hindurch dringen. Weil ich mich nicht mehr ganz fühle, könnte er in mich eindringen, eingreifen. Kai, du bist nicht länger nur in dir, du bist auch in mir, du fehlst in mir, du bist der Wind, das Brennen und Ziehen. Du hast mich definiert, ohne dich fühle ich mich unvollständig. Doch du bist nicht mehr da.
Mit voller Wucht laufe ich gegen den Wind, Sand fliegt in meine Haare. Knirschend spüre ich ihn sogar zwischen den Zähnen. Das Meeresrauschen wird vom Wind verstärkt, wirkt plötzlich wütend und ganz und gar nicht mehr so zurückhaltend wie bei Ebbe.
Der Wind ändert seine Richtung. Von hinten schiebt er mich an. Mein Herz macht einen Sprung als ich kurzentschlossen meine Schuhe ausziehe, die Hose hochkremple und einfach losrenne. Wie von selbst werde ich immer schneller, will alles hinter mir zurück lassen, nicht mehr denken, hoffen, streiten.
Ohne es zu merken bin ich dem Meer näher gekommen und bin fast überrascht, als meine Füße auf kaltes Meereswasser treffen. Schwer atmend werde ich langsamer, bleibe schließlich ganz stehen.
Ich starre erregt aufs offene Meer, würde weiter hinein waten, wäre da nicht die Vernunft, die mich zurückhält.
Der Wind treibt mir Tränen in die Augen – es kümmert mich nicht. Nicht mehr. Endlich kann ich loslassen, genieße es fast. Ich lasse los, weine mir den Druck von der Seele. Meine Entscheidung ist es loszulassen, meine Tränen lassen meinen Körper erzittern und meine Muskeln entkrampfen sich langsam. Ich sinke auf meine Knien in den nassen Sand. Der Wind heult laut in meinen Ohren, so laut, dass ich fast die Stimme hinter mir überhört hätte:
„Da bist du ja!“
Ich erkenne sie auf Anhieb. Sie, Kai. Ich bin so aufgelöst, ich will nicht, dass sie mich so sieht. Ich will nicht, dass –
„Ist schon okay, Hanna“, murmelt sie. Ich kann das leichte Lächeln hören, ich weiß ganz genau wie ihre Augen in diesem Moment aussehen müssen. Ich brauche sie gar nicht anzuschauen – meine Kai.
„Hanna?“, fragt sie zögernd. Ich neige meinen Kopf leicht, schaue weiter aufs Meer.
„Hanna, ich will, dass du weißt, dass ich auf dich warte, solange, bis du mir antworten kannst. Ich werde aber nicht auf ewig warten, du musst dich irgendwann“, ihre Stimme wird brüchig, nimmt ab, „entscheiden.“ Ich kann das Brennen in ihrer Kehle spüren, ich weiß, wie sie sich fühlt. Ich weiß es so gut, dass mir plötzlich alles klar wird.
„Kai, ich habe mich bereits -“, fange ich schnell an, springe auf und drehe mich um, doch dort ist niemand. Keine flatternden blonden Haare, keine Kai, keine Fußspuren im Sand.
Sie war nicht da. Nur eine Einbildung.
Ich muss sie suchen. Ich … ich muss mich suchen. Ich muss mich finden.

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