Samstag, 31. März 2012

BS: Wege des Glücks 7

geschrieben von Blue Siren


7. Kapitel - Letztes Kapitel - Träumend 

Joshua saß nun alleine in dem Zimmer. Ria war gegangen, um mit ihren anderen Schützlingen zu essen. Doch Joshua hatte keinen Hunger. Alle Rebellen waren getötet worden. Also auch sein Bruder.
Joshua weinte. Seit er ein kleines Kind gewesen war, hatte er nicht mehr geweint. Doch nun schmerzte sein Herz vor Trauer. Aber gleichzeitig spürte er, dass der Tod seines Bruders nun ein neues Kapitel einläutete.
Sein altes Leben lag hinter ihm. Alles war in Trümmern, nichts würde mehr sein wie zuvor. Aber mit einem Gefühl von Mut und Hoffnung entschloss Joshua sich, Ria anzuschließen und ihr zu helfen, so viele Leute wie möglich aus den Krisengebieten zu holen. Er wollte allen ein großer Bruder sein, wie es Luca gewesen war. Aber er wollte niemanden mehr mit der Sorge belasten, dass etwas passieren könnte. Er wollte für die Menschen da sein.
Einen Moment wünschte Joshua sich, seine Schwester wieder zu sehen, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass sie sich nie wieder treffen würden.
Sein Herz sagte ihm, dass er nun seine Bestimmung gefunden hatte.
Er wischte sich die Tränen fort und suchte Ria und die anderen.
Als er den Speisesaal gefunden hatte, strahlte ihm familiäre Wärme entgegen, wie er sie noch nie gespürt hatte. Hier bauten alle sich ihre eigene heile Welt auf - und alle waren willkommen.
Joshua hatte sein zu Hause, seine Heimat, seinen Frieden, sein Glück gefunden. 


Das Grenzgebiet 

Natasha erschreckte, als die Kugeln auf sie zuflogen.
Camille wich zurück und stürzte plötzlich jaulend auf den Boden. Sie hielt sich ihre Schulter und ihren Arm liefen Rinnsale aus Blut herunter.
Die Wachen kamen näher - es war keine Zeit mehr.
"Lauf, Camille!", rief sie und schob sich unter dem Zaun hindurch. Es musste schnell gehen, sie krabbelte hindurch und schrie, als der Stacheldraht ihren Rücken aufriss. Aber sie riss sich zusammen und rannte los. Sie rannte und rannte, immer hinter Camille her. Tasha japste, keuchte und Tränen liefen ihre Wangen hinab, doch sie hatte nur ihr Ziel vor Augen.
Das Ziel der Freiheit. Camille und Natasha sausten durch die Nacht und als die Stadt in Sicht kam, beschleunigten sie. Die Zielgerade... In dieser Stadt war der Laden von Zacharias Fitz.
Am liebsten wären beide, weinen vor Ehrfurcht auf die Knie gefallen, aber sie wagten es nicht, auch nur einen Moment stehen zu bleiben und ein Risiko einzugehen. Nicht wo sie so nahe dran waren.
Als sie das Geschäft erreichten, wurden sie von den Arbeitern durch die Hintertür in den Laden geschmuggelt. Gegenseitig versorgten Camille und Tasha ihre Wunden im hinteren Teil des Lagers.
Ein kahlköpfiger, etwas dicklicher Mann trat ein. Er musste um die 50 sein und er lächelte die beiden gütig an.
"Ich hoffe ich habe genug Verbandszeug... Die Wunden sehen schlimm aus"
"Danke, Zacharias", erwiderte Camille, "Wir haben hier alles was wie brauchen. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar wir dir sind."
"Ich freue mich immer, wenn ich helfen kann. Kuriert euch gut aus, in drei Stunden wird euch ein Laster mit über die Grenze nehmen. Die Fahrt ist anstrengend und in dem Laderaum wird es stickig und eng sein."
"Wir haben es soweit geschafft, also werden wir die Fahrt auch noch überstehen. Vielen Dank für ihre Hilfe.", dankte ihm Natasha ehrlich.
Ihr Rücken schmerzte, der Stacheldrahtzaun hatte fast alles vom Steißbein bis zu den Schultern aufgerissen. Sie hatte viel Blut verloren und es würden wohl immer Narben sichtbar bleiben.
Aber diesen Preis war ihr die Freiheit alle mal wert. Es würde nicht mehr lange dauern. 

Als sie, Camille und noch ein paar andere in dem Lastwagen versteckt wurden, klopfte Natashas Herz wie wild. Sie war so aufgeregt. In fünf Stunden würde sie auf gedeihendem Boden in Freiheit spazieren. Sie und Camille hatten sich aneinander gekuschelt und versuchten zu schlafen. Dieser Weg hatte sie mehr denn je zusammengeschweißt. Sie würden im Nachbarland ein neues, besseres Leben anfangen. Natasha freute sich darauf. Sie war voller Dankbarkeit und Hoffnung.

Und doch dachte zurück an ihre Brüder und hoffte, dass jeder sein Glück finden würde. Ihre Wege waren verschieden, das Ziel, das sie suchten, dasselbe und doch für jeden anders. 

Kann den Glück nicht so sein, wie Personen verschieden?




~Ende

Freitag, 30. März 2012

BS: Horizonte

geschrieben von Blue Siren

Horizonte
60 Minuten Geschichte zum Stichwort: Glück/Gerechtigkeit 

Seine Augen waren feucht, Schatten darunter, tief und dunkel.
Das Zeugnis einiger schlafloser Nächte, in denen er sich in seinem Bett hin und her gewälzt hatte oder gar nicht erst versucht hatte einzuschlafen. Orientierungslos durch Wohnung und Straßen irren, ab und zu vor hell erleuchteten Fenstern Halt machen.
Glückliche Menschen waren zu sehen, streitende Ehepaare, Singles vor dem Fernseher.
Freud und Leid, aber nichts davon konnte ihn aufheitern.
Seine Seele war am tiefen Punkt der Achterbahn angekommen - und momentan steckte das verdammte Ding wohl fest.
Alkohol war seine Kehle herunter geflossen wie ein Wasserfall ins Tal und auch an Zigaretten hatte er nicht gespart.
Es war wieder eine Nacht, in der er keinen Schlaf fand und ziellos durch die Straßen trottete. Er hatte abgewartet bis der Regen nachgelassen hatte und ausgerüstet mit einem Becher heißen Kaffee wollte er sich auf den Heimweg machen.
Er kannte die Gassen, die Leute, die sich nach Mitternacht hier die Zeit vertrieben, kannte den Geruch, die lärmende Stille.
Ein Obdachloser saß am Straßenrand, seine Kleidung war nass, da es erst vor wenigen Augenblicken aufgehört hatte zu regnen.
Der ältere Mann war in die Eingangsbucht eines großen Kaufhauses geflüchtet und saß nun dort, mit einem Gesicht, das mehr erzählte als Worte es je hätten ausdrücken können.
Über seinem kläglichen Selbst hingen bunte Werbeschilder, die reiche und schöne Models zeigten.
"Was ist schon Gerechtigkeit?", fragte der Rastlose sich und reichte dem Obdachlosen den dampfenden Kaffee.
Er konnte sich genauso gut zu Hause einen machen. Das "Danke" des älteren Mannes hörte er nicht mehr.
Sein Kopf dröhnte, er war müde, aber er wusste, er würde nicht einschlafen können.
Aber was erwartete ihn schon?
Ein leeres Bett. Eine verdreckte kleine Wohnung, Tellerberge von fraglicher Stabilität in der Küche. Bierflaschen verstreut, der Aschenbecher längst schon gefüllt.
In kürzester Zeit hatte er alles verloren - Job, Freundin, sich selbst.
Dabei war er nie ein allzu schlechter Mensch gewesen. Ein bisschen verrückt, gut gelaunt, manchmal deprimiert.
Ein normaler Mensch. Und nun?
Wie lange würde es wohl dauern, bis er sich bei Regen in U-Bahnstationen oder Eingangsbuchten flüchten musste, um nicht bis auf die Haut durchnässt zu werden?
Gab es Gerechtigkeit?
Es waren doch letztendlich immer die Mächtigen und Reichen, die aus anderen Menschen Profit heraus prügelten und noch reicher und mächtiger wurden.
Perspektiven und Träume? Konnte man sich alles an den Hut stecken.
Nichts hätte ihn in dieser Nacht aufheitern können.
Er wünschte sich einen Moment Flügel zu haben oder ein Schiff. Etwas, um von hier zu entkommen.
Grübelnd folgte er den Straßen und Gassen, die ihn nach Hause führten.
In seinem Kopf sah er die Wohnung vor sich. Duster, stickig, unordentlich.
Sie bot ihm keinen Trost.
Vielleicht sollte er gut durchlüften und versuchen sein Leben umzukrempeln.
Aber wie sollte er das schaffen? Es gab keine Gerechtigkeit.
Nie hatte ihn jemand für sein Engagement belohnt, er war nur ein Fußabtreter.
Letztendlich hatte das alles keinen Sinn.
Allein fühlte er sich hilflos, verloren.
Er könnte kotzen, wollte sich für sein Selbstmitleid ohrfeigen.
Tatsache war, dass er nicht die Kraft hatte, fest steckte. Sein Horizont war verhangen von Wolken. Automatisch war er bei sich zu Hause angekommen, ohne etwas wahrzunehmen, ohne aktiv daran gedacht zu haben. Motorisch-rostig wie eine Schrottkarre, die niemand mehr gebrauchen konnte.
Müde drehte er den Schlüssel im Schloss um. Das Grau hatte ihn wieder. Es lockte mit Bier, Zigaretten und süßem Vergessen.
"John?", fragte plötzlich eine Stimme.
Er war überrascht, denn er war so versunken gewesen in sich und seiner Frage nach Gerechtigkeit, nach einem Sinn, dass er sie zuerst gar nicht gehört hatte.
Ihr Lächeln war warm und freundlich. Seine Nachbarin Sarah.
"Du siehst schlecht aus, kann ich dir helfen?"
John schwieg.
"Komm doch rüber auf einen Kaffee. Meine Tür steht dir immer offen."
Die Düsternis des Horizonts hellte sich auf.
Sarah wandte sich schon zum gehen, doch John wollte den Lichtstrahl nicht gehen lassen und so ergriff er ihn, ergriff Sarahs Hand.
"Ich... Gerne, wenn du mich haben willst."
Seine Nachbarin lächelte sanft.
"Klar!"
Er war sich sicher, dass er niemals reich und mächtig werden konnte, doch anstatt sich Glück zu erkaufen, ließ er es sich lieber schenken.

Soundtrack: Poets of the fall - The poet and the muse 

Donnerstag, 29. März 2012

BS: Wege des Glücks 6


geschrieben von Blue Siren


6. Kapitel - Flehend

Drei Tage zuvor - Der Kampf von Lucas Rebellentruppe gegen die Ordenstruppen steht kurz bevor

Circa 200 Rebellen hatten sich in 4 Gruppen à 50 Leute aufgeteilt und näherten sich aus verschiedenen Richtungen dem Ordensquartier. Luca rannte hinter Hawkes her, der die Haupttruppe anführte, die frontal ins Gebäude stürmen würde. Einige seiner Männer hinterließen mit Spraydosen eindeutige Botschaften an den Hauswänden. Der ersten Ordenstruppe, bestehend aus ungefähr 30 Leuten, waren sie bereits nach einiger Zeit begegnet. Doch diese waren schnell besiegt, denn die Rebellen schossen und schlugen gnadenlos zu. Auch Luca hatte zwei niedergeschossen.
Es war ein seltsames Gefühl. Er hatte zwei Leben ausgelöscht. Hatten die Männer Familien gehabt? Er hatte sie einfach eiskalt abgeknallt.
Luca verdrängte die Schuldgefühle, er versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass er nun ein Mörder war.
"Dann bist du keinen Deut besser als die!"
Natashas Worte hallten in seinem Kopf.
Nein, wies er sich selbst zurecht, ich töte aus einem gerechten Grund. Er kämpfte für Menschenrechte und die Freiheit.
Wenn das kein triftiger Grund für das Töten war, dann würde er gerne in die Hölle gehen.

Die Rebellen überquerten den blauen Platz. Von mehreren Seiten kamen Ordensleute. Hawkes, der neben Luca lief, nickte ihm zu und beide zogen aus den Brusttaschen ihrer Jacken Handgranaten und warfen sie in Richtung der Ordenskräfte. Hawkes setzte sein Gewehr an und zielte auf die noch fliegende Granate. Ein Schuss und das Ding ging über den Ordensleuten hoch. Lucas explodierte und zerriss den nachkommenden Teil der Ordensleute. Der Orden würde es nicht wagen in seiner Hochburg mit Granaten um sich zu werfen, aber die Rebellen zögerten nicht, alles in Schutt und Asche zu legen.
"Schnell, weiter!", rief Hawkes und winkte.
Weiter ging es. Einzelne Ordensleute, die von der Seite angriffen, wurden von Luca, Hawkes und ihre Truppen erschlagen oder erschossen. Gnadenlos, schnell und ohne Emotionen. Ihre Truppe erreichte das Ordensgebäude als erstes. Davor stand inzwischen die ganze Verteidigungsabteilung des Ordens. Bis an die Zähne bewaffnet und im Moment noch in der Überzahl... Joshua schluckte. Die Söldner legten an, zielten und schossen. Hawkes hatte jedoch rechtzeitig zwei Rauchbomben nach vorne geworfen. Luca und ein paar Rebellen stürmten durch den Rauch. Kugeln zogen zischend an Lucas Kopf vorbei und immer wieder hörte man Stöhnen und Schmerzensschreie, wenn eine der Kugeln ihr Ziel nicht verfehlte. Es war keine Zeit und es hatte keine Zweck die Invaliden jetzt zu pflegen. Wenn das Ordensgebäude zerstört war, konnten sie sich Sorgen um die anderen machen. Aus dem Westen kam grölend die nächste Rebellentruppe und während die Abwehrkräfte sich in Bewegung setzten, stürmte die dritte Truppe herbei.
Luca warf sich ins Gefecht. Er schoss und schoss, lud nach und schoss.
Die Menschen fielen auf beiden Seiten um wie Dominosteine.
Vor Lucas Auge lief alles langsam und deutlich ab. Er sah alles klar und scharf, er konnte sogar einer Kugel ausweichen. Den Schützen erschlug er mit dem Beil, das er bei sich hatte. Das Blut seines Opfer spritzte auf ihn. Und seltsamerweise gefiel es ihm. Die anderen waren hilflos und klein. Und er, er hatte die Macht in der Hand. Und er würde alle Ordensleute auslöschen. Luca stürmte voran und schlug drei weitere Ordensleute nieder. Er holte Luft und sah sich schnaufend um. Die Lage erschreckte ihn...
In den meisten Kämpfen hatten die Ordensleute die Oberhand. Der Steinboden war von einem Teppich aus Leichen bedeckt.
Die Rebellen waren wohl bereits um die Hälfte reduziert, aber auch der Orden hatte viele Tote zu beklagen. Luca wusste, dass die Ordenskrieger besser ausgebildet waren und bessere Waffen zur Verfügung hatten. Aber jetzt, wo sie soweit gekommen waren, würde er nicht aufgeben. Der Orden würde heute untergehen - so viel war für ihn klar.
Hawkes lieferte sich einen Faustkampf mit einem Ordenskrieger. Luca eilte seinem keuchenden Anführer zu Hilfe und schoss den Ordenskrieger nieder. Immer mehr Blut besudelte Lucas Körper. Es war teilweise sein eigenes.
Er stürmte zwei Kämpfenden verbündeten zu Hilfe und half ihnen gegen die Ordensleute. Ein Schlag mit dem Beil, ein Schuss aus dem Gewehr. Immer und immer weiter, vergoss er das Blut des Ordens. Als er Richtung Ordensgebäude stürmte, stolperte er über eine Leiche und fiel auf den Boden. Sich aufrappeln, sah er aus den Augenwinkeln, wie sich etwas bewegte. Reflexmäßig schlug er fest mit dem Hinterteil seines Gewehrs danach - und war anschließend umso geschockter. Er schluckte und die Zweifel kamen wieder. Es war, als wäre all der Kampfgeist, all das Adrenalin wieder aus seinem Körper geflohen. Lucas Welt drehte sich und er musste sich übergeben. Dort hinter ihm lag nun die Leiche eines kleinen Mädchens, dessen Kopf er zertrümmert hatte. Er war ein Monster, nicht besser als der Orden. Ein unschuldiges Mädchen! Was machte sie hier?!
Luca wich zurück, er krabbelte rückwärts auf allen vieren. Nein, das konnte er noch getan haben. Er war doch kein grausamer Mörder. Er wollte die Unschuldigen doch retten und nicht ermorden! Es tat ihm so leid... Er zitterte und würgte.
Dann spürte Luca wie ihm von hinten der Lauf eines Gewehrs auf den Rücken gedrückt wurde. Er drehte leicht den Kopf und sah einen Ordenssoldaten, mit wütendem Gesicht.
"Stirb, du widerlicher, gefühlsloser Bastard!", knurrte Lucas Mörder und drückte ab.
Luca spürte wie die Kugel seinen Brustkorb und seine Lunge durchdrang.
Doch er fühlte nicht keinen Schmerz. Er fiel zu Boden, sein Gesicht lag im Staub. Jegliche Kraft wich aus seinem Körper, aber Luca hatte keine Angst. Er spürte wie er endlich frei wurde. Keine Zweifel mehr, kein Kampf, kein Leid, keine Schuld, keine Schmerzen... Alles entwich seinem Körper, jegliche Reue, all der Hass, die Verzweiflung tropfte mit jedem Tropfen Blut aus ihm heraus. Luca wurde warm und er hätte beinahe gelacht, doch er konnte es nicht mehr - er hustete lediglich Blut. Nur noch Tränen vermochten es aus seinen Augenlidern zu dringen, die sich langsam schlossen. Endlich fiel die ganze Last von ihm ab. Endlich wurde sein Wunsch erfüllt, dass dieses schreckliche Leben ein Ende hat.
Er war nun endlich erlöst, endlich glücklich.

An diesem Tag wurden alle Rebellen vor dem Ordensgebäude in Tobaco City getötet - die Anführer des Ordens beschlossen jedoch, um der Rebellenbewegung einen weiteren vernichtenden Schlag zu verpassen, eine Falschmeldung verlauten zu lassen, um weitere Gegner der Herrschaft aus dem Weg zu räumen. Und in diese Falle würden sich die restlichen Rebellen stürzen, wie Raubtiere auf rohes Fleisch...

Mittwoch, 28. März 2012

BS: Wege des Glücks 5

geschrieben von Blue Siren



5. Kapitel - Erloschener Stern

Joshua und die Rebellen waren nun seit einigen Tagen unterwegs. Und es gab kaum Momente, an denen er nicht an seine Schwester dachte. Doch wenigstens war er mit seinen Sorgen nicht allein. Auch sein Mitstreiter Axel hatte seine Schwester zurückgelassen.
Alle, die mit marschierten, hatten etwas zurückgelassen.
Seien es Familie, Freunde oder Gnade und sämtliche Gefühle.
Bald würden sie den blauen Platz erreichen.
Inzwischen waren sie kurz vor Tobaco City, als jemand laut "Stopp" sagte.
Es war einer der hinteren Männer. Die Gruppe, bestehend aus etwa 35 Männern, drehte sich zu ihm um.
Der relativ kleine Mann schluckte angesichts der ermüdeten und kalten Blicke, die nun alle auf ihn gerichtet waren.
"Findet ihr es nicht komisch?"
"Was?!", schnauzte ein Mann mit Bart.
"Obwohl morgen eine Hinrichtung stattfinden wird, sind nirgendwo Wachen unterwegs. Die müssten doch mit einem Gegenangriff rechnen, oder? Könnte das nicht...?"
Seine Worte wurden von einem lauten Knall und einem Lichtblitz abgebrochen. Einige Männer wurden fortgeschleudert. Joshua und Axel wurden von einer Druckwelle mitgerissen und landeten hart auf dem Boden.
Eine Handgranate - Es war also doch eine verdammte Falle! Joshua nahm seinen Baseballschläger in die eine Hand, die Pistole in die andere. Er war kein Meisterschütze, aber er würde einfach nah genug hingehen um zu treffen. In seinen Augenwinkeln lagen bereits Leichen seiner Kameraden und auch Axel regte sich nicht mehr. Unter seinem Kopf breitete sich eine Blutlache aus. Joshua biss die Zähne zusammen und stürzte sich auf einen der Soldaten, die aus allen Richtungen angelaufen kamen. Er schaffte es den Soldaten mit dem Baseballschläger außer Gefecht zu setzen. Dann richtete er die Pistole auf den Kopf des am Boden liegenden Mannes. Seine Hand zitterte und er schluckte. Das Gewicht der Pistole schien sich in seiner Hand verdoppelt zu haben und sein Finger lag auf dem Abzug.
"Scheiße! Verdammt nochmal!", fluchte er und wandte sich ab.
Plötzlich gab es hinter ihm wieder eine Explosion und er sah nur wie etwas auf ihn zuflog. Dann wurde es schwarz. Ganz schwarz...

Joshuas Kopf brannte und er sah nichts. Das machte ihn wahnsinnig, denn er spürte, dass er mit etwas zugedeckt war. Und er fühlte, wie ihm jemand etwas Nasses, Kühles auf den Kopf legte. Das tat gut...
Joshua versuchte seine Augen zu öffnen, doch sobald sie ein Stück offen waren, wurde er von einem grellen Licht geblendet. Er versuchte etwas zu sagen, aber es kam nur ein Röcheln aus seinem Hals. Trocken und rau fühlte sich seine Kehle an und Joshua wollte etwas zu trinken.
"Schhh... Nicht sprechen. Ich werde dir gleich ein wenig Wasser geben."
Es war eine samtige Frauenstimme.
Wo zum Teufel war er?!
Eine raue, aber feinfühlige Hand legte sich an sein Kinn und öffnete seinen Mund. Vorsichtig wurde Wasser hinein geträufelt. Joshua spürte, wie durstig er wirklich gewesen war. Er wollte sich aufsetzen, um besser Trinken zu können. Eine Hand stützte ihn. Er blinzelte langsam, der kühle Lappen rutschte seine Stirn herunter und fiel ihm in den Schoß. Langsam konnte er etwas erkennen. Sein Kopf pochte, doch er nahm als erstes die Wasserflasche, die die Hand ihm hinhielt und trank sie in wenigen Zügen aus. Dann erst, wagte er sich umzuschauen.
"Welch ein Glück, dass du wieder wach bist..."
Joshua wandte seinen Kopf zur Seite. An dem Bett, in dem er lag, saß eine Frau, wohl Mitte fünfzig, Anfang sechzig. Ihr weibliches Gesicht war bereits von einigen Falten durchzogen und das einst wohl goldblonde Haar ergraute langsam.
"Wo bin ich hier?", fragte Joshua.
"Solltest du dich nicht erstmal bedanken?", sagte die Frau und lächelte verschmitzt.
"Oh klar...", Joshua wurde rot, "Danke."
"Schon besser", sagte die Frau und drückte ihn zurück aufs Bett. Dann legte sie ihm den feuchten Lappen wieder auf die Stirn.
"Mein Name ist Ria. Und du bist hier nördlich von Tobaco City, in den Wäldern von Santa Cruz. Ich habe dich hierherbringen lassen. Leider bist du der Einzige deiner Truppe, den meine Männer retten konnten... Es tut mir leid."
Joshua atmete scharf ein. Richtig, der Hinterhalt. Also war er der einzige der überlebt hatte, aber wie war das möglich? Wie konnte er entkommen sein?
Joshua sah Ria an und entdeckte das Abzeichen des Ordens an ihrer Brust.
Er wich zurück und sein Blick wurde düster. Mit grimmiger Miene sah er seine Retterin an.
"Sie sind vom Orden?", knurrte er.
Ria sah an sich herunter auf das Abzeichen, das alle Ordensmitglieder tragen mussten.
"Ja, aber keine Sorge, ich bin keine von diesen Kriegstreibern und Ausbeutern. Ich bin mehr das Heilkraut, das im Schatten wächst."
Ria lächelte, als sie das sagte. Dann legte sie ihre Hände auf Joshuas.
"Ich verabscheue die Grausamkeit des Ordens. Ich will helfen und ein Stück wieder gut machen, was diese Faschisten dort draußen angerichtet haben. Deswegen kümmere ich mich um Rebellen und Hilfsbedürftige."
"Ist das nicht gefährlich?"
"Mein Haus hier in den Wäldern ist einsam und unauffällig. Du bist hier sicher. Außerdem war ich einst ziemlich wichtiges Ordensmitglied - Ich werde nur selten und ungenau kontrolliert. Mach dir keine Sorgen... - äh, wie ist dein Name, Junge?"
"Joshua."
"Freut mich dich kennen zu lernen, Joshua. Obschon die Umstände für unser Treffen eher traurig sind."
Joshua nickte nur. Er konnte nicht glauben, dass es auch nette Ordensleute gab. Doch plötzlich ging die Tür zu dem kleinen Zimmer auf. Ein junges Mädchen mit zerfledderten Kleidern trat herein, hinter ihr ein Mann, dem ein Auge fehlte. Er trug eine Kampfuniform des Ordens!
"Ria, hast du etwas Ordentliches zum Anziehen für sie? Ich habe sie vor einer Stunde aus einer Ruine geholt."
Joshua starrte wie gebannt auf den Soldaten.
Ria stand auf und kniete sich vor das kleine Mädchen.
"Wie heißt du, Kleines?"
"Maki.", rief die Kleine.
"Oh was für ein hübscher Name! Ich heiße Ria!"
Sie schüttelte der kleinen Maki die Hand. Dann wandte sie sich an den einäugigen Soldaten.
"Such ihr etwas aus der Kiste im Lagerraum und vergiss nicht ihr was zu essen zu geben! Die Kleine ist ja nur noch Haut und Knochen"
"Geht klar. Danke, Ria.", brummte der Soldat und führte Maki wieder aus dem Zimmer. Ria drehte sich erneut zu Joshua um.
"Joshua, möchtest du auch etwas essen?"
Der junge Mann schüttelte den Kopf, obwohl er sehr wohl hungrig war. Zu überfordert war sein Gehirn mit dem Geschehen. Freundliche, hilfsbereite Ordensmitglieder. War er im falschen Film?
Ria seufzte, als sie Joshuas verwirrten Blick sah.
"Ich weiß, wie komisch das hier scheinen mag. Ich weiß, was viele von euch alles durchmachen mussten - wegen meiner Leute. Du musst mich nicht mögen, aber bitte lass dich von mir gesund pflegen. Wenn du gesund bist, kannst du tun und lassen, was du willst. Aber am liebsten wäre es mir natürlich, wenn du hier bleiben würdest."
"Warum tun sie das?"
"Ich sagte dir doch bereits - ich will etwas von dem wieder gut machen, was euch angetan wurde. Das hier ist ein großer Hof. Ich kann immer Leute gebrauchen, die hier mithelfen. Dafür könnt ihr hier in Frieden und ohne Sorgen leben, das verspreche ich. Ich will euch ein neues Leben geben. Ich habe einige Verbündete in den Ordenstruppen, die mir Überlebende und zurückgelassene Kinder her schmuggeln. Die Methoden des Ordens sind grausam und rabiat. Ich wünschte nur es wäre möglich mehr Leute zu retten"
Rias Augen glänzten und ihr Blick schien weit, weit weg zu reichen. Sie schien all das Leid zu sehen und zu verstehen. Sie erinnerte sich an etwas.
Joshua fühlte sich mit einem Mal sicher. Diese Frau war keine abgebrühte Lügnerin. Vielleicht gab es in diesem verfluchten Land ja doch noch Engel.
Sein Land... Plötzlich schoss es ihm wieder in den Kopf. Seine Truppe war ausradiert. Aber was war mit den Kämpfern, die auf dem blauen Platz hingerichtet werden sollten?
"Das war ein Hinterhalt, oder? Sagen Sie mir bitte, Ria, was ist mit den Rebellen geschehen, die auf dem blauen Platz hingerichtet werden sollten?!"
"Oh Joshua, es tut mir so leid. Du musst wissen..."
Und Ria erzählte ihm die ganze Wahrheit.

Dienstag, 27. März 2012

BS: Ich bin (ein) Glücklicht

geschrieben von Blue Siren



Ich bin (ein) Glücklicht
Wie eine Kerze in einem stürmischen Zimmer.
Kalte Tage, kalte Nächte, raue Winde -
die Decke bricht über meinem Kopf zusammen.
Winterluft weht herein.
Unzählige Flocken lassen mich zittern und bangen.
Der Boden wird von Tag zu Tag härter,
die Erdanziehungskraft klammert sich an mich,
wie eine Kette, die all meine dunklen Seiten als Gewichte hat.
Sie will mich herunter ziehen -
aber noch tiefer als auf den Boden kann ich nicht sinken, oder?

Dann nähern sich Schritte.
Ich bin nicht mehr allein, für einen kurzen Moment öffnet sich der Türspalt
und Licht dringt herein, fast als würde ich im Sterben liegend dem Paradies entgegen blicken.

Du trittst an mich heran und hebst mich auf, ohne Bitten und Flehen.
Regungslos lasse ich mich von dir tragen, wage es nicht, auch nur einen Ton zu sagen.
Ich würde gerne an dich glauben, aber es gelingt mir nicht.
Zu sehr lasten die Trümmer auf mir und meiner Seele.
Alleine bin ich unfähig los zu lassen.

Ich hatte schon fast nicht mehr an dich geglaubt.
Da flackerte ein Funken auf, der mich an schönere Tage erinnert.
Du näherst dich, entzündest mich, erleuchtest mich.
Mein Feuer kannst du rufen, hoch lodere ich auf, ich fliege in der Luft.
Tanzend, voll neuer Kraft hast du mich aufgeweckt.
Behutsam hüllst du deine Hand über mich und setzt mich dorthin, wo ich hin gehöre.

Und ich weiß, du wirst mich immer wieder mit deinem Licht beschenken.
Glück wird einem geschenkt.

Du bist mein Glück.

Ich bin glücklich.
Ich bin wieder zu Licht geworden.

Ich bin ein Glücklicht.

Kalterer See bei Nacht

Soundtrack: Edith Piaf - Non, je ne regrette rien



Montag, 26. März 2012

BS: Wege des Glücks 4

geschrieben von Blue Siren


4. Kapitel - Nächster Halt: Paradies

Natashas Hütte

Schnell war Natashas weniges Hab und Gut gepackt. Nun, da ihre beiden Brüder sie verlassen hatten, hielt sie nichts mehr. Dennoch wollten ihre Tränen nicht aufhören, ihre Wangen hinab zu rieseln.
Sie platzierte einen Brief auf dem Tisch, falls einer ihrer Brüder jemals wieder zurückkehren sollte. Doch sie konnte und würde nun nicht mehr länger warten. Joshua, Luca und sie waren nun jeder auf sich allein gestellt.
Natasha nahm die Reisetasche und verließ die Hütte. Draußen wartete Camille.
Camille, die ebenfalls nichts mehr hatte, was sie halten könnte.
Camille, die auch nur raus aus dieser Hölle wollte.
In hoffentlich vier Tagen, würden sie endlich das gelobte Land erreichen. Ihr Ziel war der Lebensmittelladen von Zacharias Fitz, der aus geschäftlichen Gründen immer wieder ins Nachbarland fahren musste und regelmäßig Flüchtlinge zwischen seinen Waren verstecken konnte. Doch erstmal mussten sie aus den gut bewachten, inneren Zonen entkommen.

Nach zwei Stunden Fußmarsch, machten Camille und Natasha das erste Mal eine kurze Pause. Sie mussten sich Essen und Wasser gut einteilen, denn viel hatten sie nicht zur Verfügung. Die erste bewachte Zonengrenze war nicht mehr weit entfernt. Camille saß vor Natasha auf dem Gras und biss von ihrer Brothälfte ab. Immer wieder gluckste und schniefte sie. Natasha wusste, dass es Camille noch schwerer fiel, ihren Bruder Axel allein zu lassen. Die Beiden waren Zwillinge, der Geschwisterbund noch enger und Camille war schon immer eine weinerliche und sensible Mimose gewesen. Natasha rechnete fast damit, dass Camille einen Rückzieher machen würde.
"Es ist so schwer...", schluchzte Camille, "Ich habe das Gefühl, dass ich Axel nie wieder sehen werde. A-Aber ich weiß, dass ich auch an mich denken muss. Ich will nicht länger hier bleiben, Tasha. Versprechen wir uns: Was auch immer geschieht - wir werden hier rauskommen, okay?"
Camille blickte zu Natasha hoch und es schien, dass Camille das erste Mal voll entschlossen war. Natasha lächelte und reichte ihrer Freundin die Hand.
"Versprochen. Wir werden von hier fliehen."
Sie ruhten sich noch einige Momente aus, tankten Kraft und versicherten sich innerlich ihrer Resolution - dann ging es weiter. Weiter in Richtung Freiheit.

Als es dunkel wurde, näherten sich Natasha und Camille einem hohen Zaun, verstärkt mit Stacheldraht. Ein kleines Häuschen stand davor - das Wachhäuschen. Diese waren in einem Abstand von 80 Metern entlang des Zauns aufgestellt. Camille und Tasha mussten den richtigen Zeitpunkt zwischen den Patrouillen abpassen, um ein Loch unter dem Zaun schaufeln zu können und hindurchzukriechen.
Vorsichtig näherten sie sich und achteten darauf, immer hinter den Büschen versteckt zu bleiben. Hinter dem kleinen Felsvorsprung, auf dem die beiden Mädchen sich versteckten, etwa in 50 Meter Entfernung liefen zwei bewaffnete Ordensmänner von einem Wachhäuschen zum anderen. Auf der Fläche vor und hinter dem Zaun waren kaum Pflanzen oder Hügel, damit man sofort sah, wenn jemand versuchte sich der Sperrgrenze zu nähern. Gehüllt in dunkle, unauffällige Gewänder pirschte Natasha vor.
Sie hatte sich vorher gut informiert, eine Stunde lang hatten Tasha und Camille die Prozedere an den Wachhäuschen observiert, um sich auch ganz sicher zu sein.
Dennoch - Natashas Herz schlug so schnell wie nie und sie wagte sich trotz der Entfernung kaum zu atmen. Von dieser Sperrgrenze hing alles ab. Dahinter mussten sie nur noch in die nächste Stadt, in der sich der Laden von Zacharias Fitz befand. Der würde sie über die anderen Grenzen und letztlich auch über die Hauptgrenze zum Nachbarland mitnehmen. So weit entfernt war ihr Ziel gar nicht mehr. Sie konnten es schaffen. Als die Wachen in den Wachhäuschen verschwanden, stupste Natasha Camille an und flüsterte: "Jetzt!"

Sie hatten circa fünf Minuten Zeit bevor die nächste Schicht den Weg am Zaun ablief. Bis dahin mussten sie ein Stück voran kommen, immer weiter in dem Intervall, in dem die Wachen wechselten. Bis vor den Zaun.
Die beiden krabbelten los, den Abhang hinunter und ein Stück weiter. Die Tür des Häuschens öffnete sich und Natasha und Camille warfen sich auf den Boden hinter ein Gestrüpp. Die Wache leuchtete einmal mit einem Handscheinwerfer über das Gelände. Camille kniff die Augen zu und Natasha schnappte nach Luft, als der Lichtkegel über sie hinweg glitt. Die zweite Wache trat aus dem anderen Häuschen. Und beide liefen sich am Zaun entlang entgegen. Wenn sie sich in der Mitte trafen, würden sie erneut leuchten und wenn sie anschließend in das Häuschen traten noch einmal.
Solange die Wachen draußen waren, würden sie nicht weiterkommen.
Bis knapp vor den Zaun konnte es noch klappen, aber dann wenn der Boden eben und öde wurde, jegliches Gestrüpp und jeder Stein staubtrockenem Sand gewichen war, würde es knifflig werden. Doch das schwierigste Zeitfenster war das, wenn Tasha und Camille am Zaun angekommen waren. Fünf Minuten um ein Loch zu graben, unter dem Zaun durchzukriechen und dann zu rennen, wie noch nie in ihrem Leben zuvor.
Es war nicht unmöglich, aber Natasha wurde von einer kalten Angst ergriffen.
Es war gefährlich. Ein kleiner Fehler würde ausreichen, um ihren Tod zu besiegeln. Wenn die Patrouillen sie sahen, würden sie sie sofort erschießen. Natasha wollte nicht so kurz vor ihrer ersten Zieletappe erschossen werden. Sie wollte nur einmal die Freiheit genießen, nur einmal die grünen Wiesen und Bäume betrachten und nur einmal die frische Luft atmen.

Die nächsten Meter konnten Camille und Natasha sich ohne Probleme heran pirschen, doch dann kam der trockene Staubboden. Die Sonne war inzwischen verschwunden und es wurde kälter. Doch das war umso hilfreicher. Die Wachen verschwanden in ihren Häuschen. Camille und Natasha rannten und warfen sich frühzeitig auf den Boden, kauerten sich zusammen, um mehr wie ein Stein oder Hügel auszusehen. Ein Scheinwerfer flog über sie hinweg. Doch plötzlich blieb der Lichtkegel über Natasha. Sie biss sich auf die Lippe und kniff die Augen zu. Ein Schuss ertönte und hinter ihnen jaulte ein Wolf auf. Natasha atmete aus und merkte, wie warmes Blut ihr Kinn herunterlief. Sie hatte sich die Lippe aufgebissen.
Weiter und weiter ging es und Natashas Herz drohte fast zu zerspringen vor Angst. So nah waren sie dem Zaun. Und so nah an der Gefahr... Ein falscher Schritt, ein falscher Laut...
Sie wollte nicht daran denken. Konzentration war alles, was jetzt zählte.
Es wird gut gehen, es wird gut gehen. Wir schaffen das, wir schaffen das...
Immer und immer wieder betete sie in ihrem Geist dieses Mantra herunter.

Gleich würden die Wachen wieder verschwinden. Das war der letzte Schritt. Sie mussten sich beeilen, so schnell wie möglich unter dem Zaun hindurch zu kommen. Das war der alles entscheidende Moment.
3, 2, 1... und sie konnten los!
Natasha schnappte sich die kleine Schaufel aus ihm Rucksack und kratzte den staubigen Boden weg. Camille half mit den Händen.
Verdammt, es ging nicht schnell genug!
"Schneller.", flüsterte Camille, "Gleich können wir durch."
"Ok versuch's jetzt!"
Camille zwängte sich durch die Öffnung. Ihr Kopf war problemlos auf der anderen Seite. Langsam schob sie ihren Körper unter dem spitzen Stacheldrahtzaun hindurch. Es war knapp, doch es klappte. Camille rappelte sich auf und Natasha sah, dass sie vor Glück fast weinte. Natasha wollte grade ihren Kopf hin durchstecken, als die Türen des Häuschens aufgingen. Natasha und Camille erstarrten. Vielleicht, beteten sie, würde er sie nicht sehen.
Falsche Hoffnungen - Der Wachmann erblickte die beiden.
Sofort brüllte er: "Flüchtlinge! Erschießt sie!"
Und die Gewehrkugeln flogen durch die Luft...

Freitag, 23. März 2012

BS: The definition of luck

geschrieben von Blue Siren


The definition of destiny luck!
"And fantasy is destiny..." © Billy Talent


Glück, Glück, Glück - das ist so ein hinfälliger Begriff -"Ich wünsch dir ganz viel Glück", verkommen zu einer laschen Floskel.
Ich wünsche dir Glück - ja, aber denke ich lange darüber nach?
Natürlich wünsche ich dir viel Erfolg bei was auch immer, aber "Glück" ist doch wirklich nicht so einfach, als dass es so dahin gesagt werden könnte, oder?
Glück - das heißt wohl ein angenehmes Leben führen, gesund und froh sein, Freunde zu haben, seine Träume zu leben und vom Leben einfach beschenkt zu werden.
Aber denkst du daran, wenn du jemandem Glück wünscht?
Wünschst du betreffender Person mit all deinem Herzen, dass ihr oder ihm nur Gutes widerfährt und er oder sie ein Leben in vollkommener Glückseligkeit und Sorglosigkeit führen kann? Dass diese Person vom Schicksal beschenkt wird, nie etwas Schlimmes durchmachen und sich nie aufopfern, sich anstrengen oder mit Rückschlägen klar kommen muss, ergo alles und jeden in den Arsch gesteckt bekommt? In einem perfekten Paradies und einem tollen Haus vor sich hin vegetiert?
Wenn ich jemanden Glück wünsche, dann ganz simpel. Mögest du eine gute Note schreiben. Mögest du das Krisengespräch gut hinter dich bringen. Mögest du dich etwas trauen. Mögest du ein Hindernis überwinden. Aber mögest du auch mal kräftig auf die Schnauze fallen - wie jeder andere eben. Mögest du leben - das wünsche ich jemanden, dem ich Glück wünsche.
Glück ist für mich ganz einfach - eine Sache des Moments, ein kleiner Augenblick der Freude, nein - ganz viele Augenblicke der Freude, die uns wie Pralinen manche düsteren Tage versüßen können.
Ich will nicht mein ganzes Leben lang tafelweise Schokolade futtern, wenn schon, dann bitte mit Stil, also mach so weiter: Wünsch mir Glück, ohne nach zu denken, ich nehm's niemandem übel.


Soundtrack: Billy Talent - Definition of destiny

Montag, 19. März 2012

BS: Wege des Glücks 3

geschrieben von Blue Siren



3. Kapitel - Der Krieger

Vier Tage zuvor -
im Lager der vor ihrem Kampf gegen den Orden in Tobaco City

~ Luca schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Was bringt es uns hier nur rumzusitzen und auf den Tod zu warten?! Was bringt es den Menschen dort draußen?! Wir müssen etwas gegen den Orden unternehmen! So kann und wird es nicht weitergehen! Sollen wir warten bis diese miesen Widerlinge die ganze Welt ins Elend stürzen?! Es wird nicht mehr nur unser Land betreffen, wenn wir diese Wahnsinnigen nicht stoppen!"
"Und ich sage dir doch, jeder Widerstand ist zwecklos! Diese Typen vom Orden sind mächtig - wirklich mächtig! Es sind nur sinnlose Opfer, die hier gebracht werden! Ich werde nicht zulassen, dass uns dein überkochendes Testosteron ins Verderben stürzt! Was bringt uns dieser Kampf, wenn wir tot sind?! Alle, die sich gegen den Orden auflehnen, werden ohne, dass auch nur eines der hohen Tiere des Ordens mit der Wimper zuckt, niedergeschossen! Ich will nicht, dass du, ich oder Joshua uns in Gefahr bringen müssen für eine Schlacht, die schon von Anfang an verloren war!"
"Das sagst du nur weil du feige bist, Natasha. Du hast Angst um dein Leben - was ich dir niemals übel nehmen würde - aber es geht nicht, dass jeder sich klein macht und dem Orden fügt. So wird sich nie etwas an all dem Elend verbessern! Das ist doch genau was der Orden will: Alle geben aus Angst klein bei und können so weiter ausgebeutet werden. Ich lasse mir nicht einen Tag länger den Mund verbieten! Es müssen nun mal Opfer gebracht werden, damit sich etwas ändert-"
Natasha stampfte auf den Boden.
"Aber das werden nicht wir sein, Luca! Wir sind weder Krieger, noch Soldaten, noch haben wir Waffen. Wir müssen endlich aus dieser gottverdammten Hölle fliehen!"
Luca fegte mit seinem Arm ein Glas vom Tisch und brüllte Natasha an.
"Und wir lassen all die Menschen hier sterben? Wir ignorieren das ganze Unglück, das hier geschieht und gehen einfach weg und machen uns ein schönes Leben? Ich hätte nie gedacht, dass du so widerlich feige und egoistisch sein kannst! Du bist kaum besser als die Hunde des Ordens!"
Natasha biss sich auf die Lippe. Sie war den Tränen nah - wie konnte Luca nur so etwas zu ihr sagen?
"Wie kannst du das zu mir sagen? Ich habe einfach genug von diesem ganzen Scheiß hier! Unser ganzes Leben war eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen und Verlust! Ein großer Haufen Scheiße! Was glaubst du wie oft ich mir nur gewünscht habe endlich zu sterben?! Kannst du nicht verstehen, dass ich endlich ein angenehmes Leben haben will?"
"Doch. Ich verstehe dich, Tasha. Und genau deswegen solltest du auch mich verstehen. Ich will den Leuten hier nur jegliches weitere Leid ersparen. Dieser Kampf ist nicht zu Ende, bevor nicht auch das letzte Mitglied des Ordens da draußen auf dem staubigen Boden verblutet ist!"
"Den Leuten hier dürstet es aber sicher nicht nach Blut, sondern nach Wasser! Was bringt ihnen ein Land voller Leichen, auf dem sowieso nie wieder etwas gedeihen wird? Was bringt uns das Gemetzel außer noch mehr Hass, Leid und Rachedurst?!"
"Freiheit", war Lucas Antwort.
"Diese Freiheit können wir auch wo anders haben. Es ist nicht unmöglich zu fliehen! Soll doch der Orden hier auf seinem Fleckchen Land verrecken in Müll und Leichen! Alle, die hier bleiben wollen, sollen hier bleiben! Und wenn du dazu gehören willst, dann geh doch! Zieh in die Schlacht und besudle dich mit Blut, wenn es dir gefällt - aber ich und Joshua werden ganz sicher nicht mitgehen!"
"Diese Diskussion hat keinen Sinn! Wir sind anscheinend unterschiedlicher Meinung, Schwester! Aber ich werde mich nicht deinen falschen Idealen unterwerfen. Ich hoffe nur, du bist froh mit dem was du tust. Wenn du als alte Frau auf einen Leichenberg zurückblicken kannst und dabei sagen kannst 'Ich bereue nichts. Ich habe nichts falsch gemacht', dann beneide ich dich trotzdem nicht. Ich werde für mein Wohl, das Wohl meines Heimatlandes und das Wohl des Volkes kämpfen - und du wirst mich nicht daran hindern!"
Luca schnappte sich die Tasche und riss immer noch in voller Rage die Tür auf, sodass diese fast aus den Angeln flog.
"Mach doch, was du willst, du unendlicher Starrkopf! Idiot!", rief Tasha ihm hinterher, als er davon trabte.  ~

Luca schreckte aus seinem Traum hoch. Er schaute sich um und lag noch immer in dem kleinen Zelt. Dieser Streit mit seiner Schwester verfolgte ihn in seinen Träumen, seit er sie und Joshua vor einem Jahr allein in der Hütte zurückgelassen hatte. Nun war er hier und am Ende des Tages, im Schutze der Dunkelheit, würden sie aufbrechen, um das Ordenshaus in Tobaco City angreifen. Und ausgerechnet jetzt hatte er wieder diesen beschissenen Traum, der seine Gedanken immer komplett durcheinander warf. Er hasste Natashas tränenvollen Blick, als sie ihm nachgerufen hatte.
Er wollte nicht sehen, was ihn auf dieser Erde hielt.
Er musste doch für alles bereit sein.
Er durfte keine Zweifel an seiner Mission und ihrem Wert haben.
Luca wollte das Gefühl ignorieren, einfach zurück zu den Beiden zu gehen und mit ihnen zu fliehen. Wieder und wieder musste er sich daran erinnern, warum er sich in diese Kämpfe gegen eine schier unbesiegbare Macht stürzte.
Er musste alle rächen, die bereits gefallen waren, alle retten, die zum Untergang verdammt waren, alle beschützen, die ihm wichtig waren.
 Doch fühlte er sich in seiner Mission nicht wie ein Held... manchmal eher wie ein Bauer beim Schachspiel, der strategisch geopfert wurde, um den gegnerischen König zu stürzen.
Seufzend richtete er sich auf und trat aus dem Zelt heraus. Die Sonne war gerade halb zu sehen. Luca fröstelte es, aber er ließ es sich nicht anmerken. Vor dem Hauptzelt brannte bereits ein kleines Lagerfeuer.
Mit finsteren Gesichtern blickten seine Kameraden in das Feuer. Ihre Augen waren leer, die eigentlich jungen Gesichter von Furchen und Narben überzogen. Luca zuckte kurz zusammen, als ihm eine Hand auf die Schulter schlug und seine betrübte Stimmung durchbrach, wie die Sonne eine morgendliche Nebelwand
"Na, auch schon wach Luca? Heut Abend geht's los. Wir sollten uns so gut wie möglich stärken. Wir müssen wirklich gut vorbereitet sein, damit wir möglichst viele von diesen Faschistenschweinen kalt machen können!"
Es war Hawkes, der Anführer der Widerstandbewegung. Er war groß und muskulös, jedoch hatte er bereits einen Arm verloren.
Und viele seiner Freunde, dachte Luca.
Jedoch war er derjenige, der scheinbar nie an diesem Kampf zweifelte und der von einem unsichtbaren Geist angetrieben wurde, der ihm immer wieder auf die Beine half.
Luca bewunderte Hawkes für seine Kraft. Gerne wäre er genauso entschlossen und mutig.
"Wir sollten erstmal etwas essen gehen, Luca. Mit leeren Magen hat noch keiner gut gekämpft, was?", schlug Hawkes fröhlich vor.
Luca nickte stumm und beide setzten sich zu den anderen Rebellen ans Lagerfeuer. Vielleicht das letzte Mal, grübelte Luca in Anbetracht der ihnen bevorstehenden Schlacht...

Freitag, 16. März 2012

BS: Mein Glück ist anspruchsvoll und braucht Aufmerksamkeit

geschrieben von Blue Siren


Mein Glück ist anspruchsvoll und braucht Aufmerksamkeit

Mein Glück ist ziemlich launisch.
Es kommt nur, wenn es Lust hat, dann geht es schnell wieder und will doch wieder herein. Kurz gesagt, es kann sich nicht entscheiden, ob es da bleibt oder geht.
Manchmal erfreut es mich, indem es mich mit Spielereien erheitert, mich durch seine süßen Rufe lockt oder mich sanft umschmiegt und kommt, wenn ich es am wenigsten erwarte.
Mein Glück macht mich auch sauer, wenn es Restspuren durch die ganze Wohnung verteilt und alles in Trümmern zurücklässt oder schon früh morgens in mein Zimmer stürmt, wenn ich noch gar nicht vorbereitet bin. Wenn es über die Tastatur huscht und dann etwas ganz anderes heraus kommt, als ich ursprünglich haben wollte.
Mein Glück kratzt auch manchmal und hinterlässt Abdrücke überall.
Mein Glück bleibt bei mir und ist dennoch eine treulose Tomate, das dorthin geht, wo es verwöhnt wird.
Mein Glück ist quengelig und will nur das Beste vom Besten, es will gepflegt und gestreichelt werden und kann nicht lange warten, ohne sich lautstark bemerkbar zu machen.
Zwar ist mein Glück reinlich, aber seine Haare kleben trotzdem überall.
Mein Glück macht laute Schlabber- und Schmatzgeräusche und verteilt sich beim Essen über die ganze Wohnung.
Manchmal thront mein Glück auch auf meinem Platz und bewegt sich tagelang nicht vom Fleck. Es lässt mich manchmal staunen, seufzen oder schwärmen.
Ich weiß, dass diese Art von Glück nicht so flüchtig ist, aber es ist eigenwillig.
Mein Glück urteilt nicht, es ist einfach, wie es ist.
Ich liebe mein Glück abgöttisch und würde es für nichts in der Welt hergeben.
Mein Glück ist mein Seelenheil und mein Trostpflaster. Und es verteilt auch Küsse und Streicheleinheiten an mich. Aber nur, wenn er Lust hat...

                   Da ist mein Glück:
Lollo

Soundtrack: Geschnurre und ungeduldiges Maunzen