Horizonte
60 Minuten Geschichte zum Stichwort: Glück/Gerechtigkeit
Seine Augen waren feucht, Schatten darunter, tief und dunkel.
Das
Zeugnis einiger schlafloser Nächte, in denen er sich in seinem Bett hin
und her gewälzt hatte oder gar nicht erst versucht hatte einzuschlafen.
Orientierungslos durch Wohnung und Straßen irren, ab und zu vor hell
erleuchteten Fenstern Halt machen.
Glückliche Menschen waren zu sehen, streitende Ehepaare, Singles vor dem Fernseher.
Freud und Leid, aber nichts davon konnte ihn aufheitern.
Seine Seele war am tiefen Punkt der Achterbahn angekommen - und momentan steckte das verdammte Ding wohl fest.
Alkohol war seine Kehle herunter geflossen wie ein Wasserfall ins Tal und auch an Zigaretten hatte er nicht gespart.
Es
war wieder eine Nacht, in der er keinen Schlaf fand und ziellos durch
die Straßen trottete. Er hatte abgewartet bis der Regen nachgelassen
hatte und ausgerüstet mit einem Becher heißen Kaffee wollte er sich auf
den Heimweg machen.
Er kannte die Gassen, die Leute, die sich nach Mitternacht hier die Zeit vertrieben, kannte den Geruch, die lärmende Stille.
Ein Obdachloser saß am Straßenrand, seine Kleidung war nass, da es erst vor wenigen Augenblicken aufgehört hatte zu regnen.
Der
ältere Mann war in die Eingangsbucht eines großen Kaufhauses geflüchtet
und saß nun dort, mit einem Gesicht, das mehr erzählte als Worte es je
hätten ausdrücken können.
Über seinem kläglichen Selbst hingen bunte Werbeschilder, die reiche und schöne Models zeigten.
"Was ist schon Gerechtigkeit?", fragte der Rastlose sich und reichte dem Obdachlosen den dampfenden Kaffee.
Er konnte sich genauso gut zu Hause einen machen. Das "Danke" des älteren Mannes hörte er nicht mehr.
Sein Kopf dröhnte, er war müde, aber er wusste, er würde nicht einschlafen können.
Aber was erwartete ihn schon?
Ein
leeres Bett. Eine verdreckte kleine Wohnung, Tellerberge von fraglicher
Stabilität in der Küche. Bierflaschen verstreut, der Aschenbecher
längst schon gefüllt.
In kürzester Zeit hatte er alles verloren - Job, Freundin, sich selbst.
Dabei war er nie ein allzu schlechter Mensch gewesen. Ein bisschen verrückt, gut gelaunt, manchmal deprimiert.
Ein normaler Mensch. Und nun?
Wie
lange würde es wohl dauern, bis er sich bei Regen in U-Bahnstationen
oder Eingangsbuchten flüchten musste, um nicht bis auf die Haut
durchnässt zu werden?
Gab es Gerechtigkeit?
Es waren doch
letztendlich immer die Mächtigen und Reichen, die aus anderen Menschen
Profit heraus prügelten und noch reicher und mächtiger wurden.
Perspektiven und Träume? Konnte man sich alles an den Hut stecken.
Nichts hätte ihn in dieser Nacht aufheitern können.
Er wünschte sich einen Moment Flügel zu haben oder ein Schiff. Etwas, um von hier zu entkommen.
Grübelnd folgte er den Straßen und Gassen, die ihn nach Hause führten.
In seinem Kopf sah er die Wohnung vor sich. Duster, stickig, unordentlich.
Sie bot ihm keinen Trost.
Vielleicht sollte er gut durchlüften und versuchen sein Leben umzukrempeln.
Aber wie sollte er das schaffen? Es gab keine Gerechtigkeit.
Nie hatte ihn jemand für sein Engagement belohnt, er war nur ein Fußabtreter.
Letztendlich hatte das alles keinen Sinn.
Allein fühlte er sich hilflos, verloren.
Er könnte kotzen, wollte sich für sein Selbstmitleid ohrfeigen.
Tatsache
war, dass er nicht die Kraft hatte, fest steckte. Sein Horizont war
verhangen von Wolken. Automatisch war er bei sich zu Hause angekommen,
ohne etwas wahrzunehmen, ohne aktiv daran gedacht zu haben.
Motorisch-rostig wie eine Schrottkarre, die niemand mehr gebrauchen
konnte.
Müde drehte er den Schlüssel im Schloss um. Das Grau hatte ihn wieder. Es lockte mit Bier, Zigaretten und süßem Vergessen.
"John?", fragte plötzlich eine Stimme.
Er
war überrascht, denn er war so versunken gewesen in sich und seiner
Frage nach Gerechtigkeit, nach einem Sinn, dass er sie zuerst gar nicht
gehört hatte.
Ihr Lächeln war warm und freundlich. Seine Nachbarin Sarah.
"Du siehst schlecht aus, kann ich dir helfen?"
John schwieg.
"Komm doch rüber auf einen Kaffee. Meine Tür steht dir immer offen."
Die Düsternis des Horizonts hellte sich auf.
Sarah
wandte sich schon zum gehen, doch John wollte den Lichtstrahl nicht
gehen lassen und so ergriff er ihn, ergriff Sarahs Hand.
"Ich... Gerne, wenn du mich haben willst."
Seine Nachbarin lächelte sanft.
"Klar!"
Er
war sich sicher, dass er niemals reich und mächtig werden konnte, doch
anstatt sich Glück zu erkaufen, ließ er es sich lieber schenken.
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