3. Kapitel - Der Krieger
Vier
Tage zuvor -
im
Lager der vor ihrem Kampf gegen den Orden in Tobaco City
~ Luca schlug mit der Faust auf den
Tisch.
"Was bringt es uns hier nur
rumzusitzen und auf den Tod zu warten?! Was bringt es den Menschen dort draußen?!
Wir müssen etwas gegen den Orden unternehmen! So kann und wird es nicht
weitergehen! Sollen wir warten bis diese miesen Widerlinge die ganze Welt ins
Elend stürzen?! Es wird nicht mehr nur unser Land betreffen, wenn wir diese
Wahnsinnigen nicht stoppen!"
"Und ich sage dir doch, jeder
Widerstand ist zwecklos! Diese Typen vom Orden sind mächtig - wirklich mächtig!
Es sind nur sinnlose Opfer, die hier gebracht werden! Ich werde nicht zulassen,
dass uns dein überkochendes Testosteron ins Verderben stürzt! Was bringt uns
dieser Kampf, wenn wir tot sind?! Alle,
die sich gegen den Orden auflehnen, werden ohne, dass auch nur eines der hohen
Tiere des Ordens mit der Wimper zuckt, niedergeschossen! Ich will nicht, dass
du, ich oder Joshua uns in Gefahr bringen müssen für eine Schlacht, die schon
von Anfang an verloren war!"
"Das sagst du nur weil du feige
bist, Natasha. Du hast Angst um dein Leben - was ich dir niemals übel nehmen
würde - aber es geht nicht, dass jeder sich klein macht und dem Orden fügt. So wird
sich nie etwas an all dem Elend verbessern! Das ist doch genau was der Orden
will: Alle geben aus Angst klein bei und können so weiter ausgebeutet werden.
Ich lasse mir nicht einen Tag länger den Mund verbieten! Es müssen nun mal
Opfer gebracht werden, damit sich etwas ändert-"
Natasha stampfte auf den Boden.
"Aber das werden nicht wir
sein, Luca! Wir sind weder Krieger, noch Soldaten, noch haben wir Waffen. Wir
müssen endlich aus dieser gottverdammten Hölle fliehen!"
Luca fegte mit seinem Arm ein Glas
vom Tisch und brüllte Natasha an.
"Und wir lassen all die
Menschen hier sterben? Wir ignorieren
das ganze Unglück, das hier geschieht und gehen einfach weg und machen uns ein
schönes Leben? Ich hätte nie gedacht, dass du so widerlich feige und egoistisch
sein kannst! Du bist kaum besser als die Hunde des Ordens!"
Natasha biss sich auf die Lippe. Sie
war den Tränen nah - wie konnte Luca nur so etwas zu ihr sagen?
"Wie kannst du das zu mir
sagen? Ich habe einfach genug von diesem ganzen Scheiß hier! Unser ganzes Leben
war eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen und Verlust! Ein großer Haufen
Scheiße! Was glaubst du wie oft ich mir nur gewünscht habe endlich zu sterben?!
Kannst du nicht verstehen, dass ich endlich
ein angenehmes Leben haben will?"
"Doch. Ich verstehe dich,
Tasha. Und genau deswegen solltest du auch mich verstehen. Ich will den Leuten
hier nur jegliches weitere Leid ersparen. Dieser Kampf ist nicht zu Ende, bevor
nicht auch das letzte Mitglied des Ordens da draußen auf dem staubigen Boden verblutet
ist!"
"Den Leuten hier dürstet es
aber sicher nicht nach Blut, sondern nach Wasser! Was bringt ihnen ein Land
voller Leichen, auf dem sowieso nie wieder etwas gedeihen wird? Was bringt uns
das Gemetzel außer noch mehr Hass, Leid und Rachedurst?!"
"Freiheit", war Lucas
Antwort.
"Diese Freiheit können wir auch
wo anders haben. Es ist nicht unmöglich zu fliehen! Soll doch der Orden hier
auf seinem Fleckchen Land verrecken in Müll und Leichen! Alle, die hier bleiben
wollen, sollen hier bleiben! Und wenn du dazu gehören willst, dann geh doch!
Zieh in die Schlacht und besudle dich mit Blut, wenn es dir gefällt - aber ich
und Joshua werden ganz sicher nicht mitgehen!"
"Diese Diskussion hat keinen
Sinn! Wir sind anscheinend unterschiedlicher Meinung, Schwester! Aber ich werde
mich nicht deinen falschen Idealen unterwerfen. Ich hoffe nur, du bist froh mit
dem was du tust. Wenn du als alte Frau auf einen Leichenberg zurückblicken
kannst und dabei sagen kannst 'Ich bereue nichts. Ich habe nichts falsch
gemacht', dann beneide ich dich trotzdem nicht. Ich werde für mein Wohl, das
Wohl meines Heimatlandes und das Wohl des Volkes kämpfen - und du wirst mich
nicht daran hindern!"
Luca schnappte sich die Tasche und
riss immer noch in voller Rage die Tür auf, sodass diese fast aus den Angeln
flog.
"Mach doch, was du willst, du
unendlicher Starrkopf! Idiot!", rief Tasha ihm hinterher, als er davon trabte. ~
Luca schreckte aus seinem Traum
hoch. Er schaute sich um und lag noch immer in dem kleinen Zelt. Dieser Streit
mit seiner Schwester verfolgte ihn in seinen Träumen, seit er sie und Joshua
vor einem Jahr allein in der Hütte zurückgelassen hatte. Nun war er hier und am
Ende des Tages, im Schutze der Dunkelheit, würden sie aufbrechen, um das
Ordenshaus in Tobaco City angreifen. Und ausgerechnet jetzt hatte er wieder
diesen beschissenen Traum, der seine Gedanken immer komplett durcheinander
warf. Er hasste Natashas tränenvollen Blick, als sie ihm nachgerufen hatte.
Er wollte nicht sehen, was ihn auf
dieser Erde hielt.
Er musste doch für alles bereit
sein.
Er durfte keine Zweifel an seiner
Mission und ihrem Wert haben.
Luca wollte das Gefühl ignorieren,
einfach zurück zu den Beiden zu gehen und mit ihnen zu fliehen. Wieder und
wieder musste er sich daran erinnern, warum er sich in diese Kämpfe gegen eine
schier unbesiegbare Macht stürzte.
Er musste alle rächen, die bereits
gefallen waren, alle retten, die zum Untergang verdammt waren, alle beschützen,
die ihm wichtig waren.
Doch fühlte er sich in seiner Mission nicht
wie ein Held... manchmal eher wie ein Bauer beim Schachspiel, der strategisch
geopfert wurde, um den gegnerischen König zu stürzen.
Seufzend richtete er sich auf und
trat aus dem Zelt heraus. Die Sonne war gerade halb zu sehen. Luca fröstelte
es, aber er ließ es sich nicht anmerken. Vor dem Hauptzelt brannte bereits ein
kleines Lagerfeuer.
Mit finsteren Gesichtern blickten
seine Kameraden in das Feuer. Ihre Augen waren leer, die eigentlich jungen
Gesichter von Furchen und Narben überzogen. Luca zuckte kurz zusammen, als ihm
eine Hand auf die Schulter schlug und seine betrübte Stimmung durchbrach, wie
die Sonne eine morgendliche Nebelwand
"Na, auch schon wach Luca? Heut
Abend geht's los. Wir sollten uns so gut wie möglich stärken. Wir müssen
wirklich gut vorbereitet sein, damit wir möglichst viele von diesen
Faschistenschweinen kalt machen können!"
Es war Hawkes, der Anführer der
Widerstandbewegung. Er war groß und muskulös, jedoch hatte er bereits einen Arm
verloren.
Und
viele seiner Freunde,
dachte Luca.
Jedoch war er derjenige, der
scheinbar nie an diesem Kampf zweifelte und der von einem unsichtbaren Geist
angetrieben wurde, der ihm immer wieder auf die Beine half.
Luca bewunderte Hawkes für seine
Kraft. Gerne wäre er genauso entschlossen und mutig.
"Wir sollten erstmal etwas
essen gehen, Luca. Mit leeren Magen hat noch keiner gut gekämpft, was?", schlug
Hawkes fröhlich vor.
Luca nickte stumm und beide setzten
sich zu den anderen Rebellen ans Lagerfeuer. Vielleicht das letzte Mal, grübelte
Luca in Anbetracht der ihnen bevorstehenden Schlacht...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen