5.
Kapitel - Erloschener Stern
Joshua und
die Rebellen waren nun seit einigen Tagen unterwegs. Und es gab kaum
Momente, an denen er nicht an seine Schwester dachte. Doch wenigstens
war er mit seinen Sorgen nicht allein. Auch sein Mitstreiter Axel
hatte seine Schwester zurückgelassen.
Alle, die
mit marschierten, hatten etwas zurückgelassen.
Seien es
Familie, Freunde oder Gnade und sämtliche Gefühle.
Bald würden
sie den blauen Platz erreichen.
Inzwischen
waren sie kurz vor Tobaco City, als jemand laut "Stopp"
sagte.
Es war
einer der hinteren Männer. Die Gruppe, bestehend aus etwa 35
Männern, drehte sich zu ihm um.
Der relativ
kleine Mann schluckte angesichts der ermüdeten und kalten Blicke,
die nun alle auf ihn gerichtet waren.
"Findet
ihr es nicht komisch?"
"Was?!",
schnauzte ein Mann mit Bart.
"Obwohl
morgen eine Hinrichtung stattfinden wird, sind nirgendwo Wachen
unterwegs. Die müssten doch mit einem Gegenangriff rechnen, oder?
Könnte das nicht...?"
Seine Worte
wurden von einem lauten Knall und einem Lichtblitz abgebrochen.
Einige Männer wurden fortgeschleudert. Joshua und Axel wurden von
einer Druckwelle mitgerissen und landeten hart auf dem Boden.
Eine
Handgranate - Es war also doch eine verdammte Falle! Joshua nahm
seinen Baseballschläger in die eine Hand, die Pistole in die andere.
Er war kein Meisterschütze, aber er würde einfach nah genug
hingehen um zu treffen. In seinen Augenwinkeln lagen bereits Leichen
seiner Kameraden und auch Axel regte sich nicht mehr. Unter seinem
Kopf breitete sich eine Blutlache aus. Joshua biss die Zähne
zusammen und stürzte sich auf einen der Soldaten, die aus allen
Richtungen angelaufen kamen. Er schaffte es den Soldaten mit dem
Baseballschläger außer Gefecht zu setzen. Dann richtete er die
Pistole auf den Kopf des am Boden liegenden Mannes. Seine Hand
zitterte und er schluckte. Das Gewicht der Pistole schien sich in
seiner Hand verdoppelt zu haben und sein Finger lag auf dem Abzug.
"Scheiße!
Verdammt nochmal!", fluchte er und wandte sich ab.
Plötzlich
gab es hinter ihm wieder eine Explosion und er sah nur wie etwas auf
ihn zuflog. Dann wurde es schwarz. Ganz schwarz...
Joshuas
Kopf brannte und er sah nichts. Das machte ihn wahnsinnig, denn er
spürte, dass er mit etwas zugedeckt war. Und er fühlte, wie ihm
jemand etwas Nasses, Kühles auf den Kopf legte. Das tat gut...
Joshua
versuchte seine Augen zu öffnen, doch sobald sie ein Stück offen
waren, wurde er von einem grellen Licht geblendet. Er versuchte etwas
zu sagen, aber es kam nur ein Röcheln aus seinem Hals. Trocken und
rau fühlte sich seine Kehle an und Joshua wollte etwas zu trinken.
"Schhh...
Nicht sprechen. Ich werde dir gleich ein wenig Wasser geben."
Es war eine
samtige Frauenstimme.
Wo zum
Teufel war er?!
Eine raue,
aber feinfühlige Hand legte sich an sein Kinn und öffnete seinen
Mund. Vorsichtig wurde Wasser hinein geträufelt. Joshua spürte, wie
durstig er wirklich gewesen war. Er wollte sich aufsetzen, um besser
Trinken zu können. Eine Hand stützte ihn. Er blinzelte langsam, der
kühle Lappen rutschte seine Stirn herunter und fiel ihm in den
Schoß. Langsam konnte er etwas erkennen. Sein Kopf pochte, doch er
nahm als erstes die Wasserflasche, die die Hand ihm hinhielt und
trank sie in wenigen Zügen aus. Dann erst, wagte er sich
umzuschauen.
"Welch
ein Glück, dass du wieder wach bist..."
Joshua
wandte seinen Kopf zur Seite. An dem Bett, in dem er lag, saß eine
Frau, wohl Mitte fünfzig, Anfang sechzig. Ihr weibliches Gesicht war
bereits von einigen Falten durchzogen und das einst wohl goldblonde
Haar ergraute langsam.
"Wo
bin ich hier?", fragte Joshua.
"Solltest
du dich nicht erstmal bedanken?", sagte die Frau und lächelte
verschmitzt.
"Oh
klar...", Joshua wurde rot, "Danke."
"Schon
besser", sagte die Frau und drückte ihn zurück aufs Bett. Dann
legte sie ihm den feuchten Lappen wieder auf die Stirn.
"Mein
Name ist Ria. Und du bist hier nördlich von Tobaco City, in den
Wäldern von Santa Cruz. Ich habe dich hierherbringen lassen. Leider
bist du der Einzige deiner Truppe, den meine Männer retten
konnten... Es tut mir leid."
Joshua
atmete scharf ein. Richtig, der Hinterhalt. Also war er der einzige
der überlebt hatte, aber wie war das möglich? Wie konnte er
entkommen sein?
Joshua sah
Ria an und entdeckte das Abzeichen des Ordens an ihrer Brust.
Er wich
zurück und sein Blick wurde düster. Mit grimmiger Miene sah er
seine Retterin an.
"Sie
sind vom Orden?", knurrte er.
Ria sah an
sich herunter auf das Abzeichen, das alle Ordensmitglieder tragen
mussten.
"Ja,
aber keine Sorge, ich bin keine von diesen Kriegstreibern und
Ausbeutern. Ich bin mehr das Heilkraut, das im Schatten wächst."
Ria
lächelte, als sie das sagte. Dann legte sie ihre Hände auf Joshuas.
"Ich
verabscheue die Grausamkeit des Ordens. Ich will helfen und ein Stück
wieder gut machen, was diese Faschisten dort draußen angerichtet
haben. Deswegen kümmere ich mich um Rebellen und Hilfsbedürftige."
"Ist
das nicht gefährlich?"
"Mein
Haus hier in den Wäldern ist einsam und unauffällig. Du bist hier
sicher. Außerdem war ich einst ziemlich wichtiges Ordensmitglied -
Ich werde nur selten und ungenau kontrolliert. Mach dir keine
Sorgen... - äh, wie ist dein Name, Junge?"
"Joshua."
"Freut
mich dich kennen zu lernen, Joshua. Obschon die Umstände für unser
Treffen eher traurig sind."
Joshua
nickte nur. Er konnte nicht glauben, dass es auch nette Ordensleute
gab. Doch plötzlich ging die Tür zu dem kleinen Zimmer auf. Ein
junges Mädchen mit zerfledderten Kleidern trat herein, hinter ihr
ein Mann, dem ein Auge fehlte. Er trug eine Kampfuniform des Ordens!
"Ria,
hast du etwas Ordentliches zum Anziehen für sie? Ich habe sie vor
einer Stunde aus einer Ruine geholt."
Joshua
starrte wie gebannt auf den Soldaten.
Ria stand
auf und kniete sich vor das kleine Mädchen.
"Wie
heißt du, Kleines?"
"Maki.",
rief die Kleine.
"Oh
was für ein hübscher Name! Ich heiße Ria!"
Sie
schüttelte der kleinen Maki die Hand. Dann wandte sie sich an den
einäugigen Soldaten.
"Such
ihr etwas aus der Kiste im Lagerraum und vergiss nicht ihr was zu
essen zu geben! Die Kleine ist ja nur noch Haut und Knochen"
"Geht
klar. Danke, Ria.", brummte der Soldat und führte Maki wieder
aus dem Zimmer. Ria drehte sich erneut zu Joshua um.
"Joshua,
möchtest du auch etwas essen?"
Der junge
Mann schüttelte den Kopf, obwohl er sehr wohl hungrig war. Zu
überfordert war sein Gehirn mit dem Geschehen. Freundliche,
hilfsbereite Ordensmitglieder. War er im falschen Film?
Ria
seufzte, als sie Joshuas verwirrten Blick sah.
"Ich
weiß, wie komisch das hier scheinen mag. Ich weiß, was viele von
euch alles durchmachen mussten - wegen meiner Leute. Du musst mich
nicht mögen, aber bitte lass dich von mir gesund pflegen. Wenn du
gesund bist, kannst du tun und lassen, was du willst. Aber am
liebsten wäre es mir natürlich, wenn du hier bleiben würdest."
"Warum
tun sie das?"
"Ich
sagte dir doch bereits - ich will etwas von dem wieder gut machen,
was euch angetan wurde. Das hier ist ein großer Hof. Ich kann immer
Leute gebrauchen, die hier mithelfen. Dafür könnt ihr hier in
Frieden und ohne Sorgen leben, das verspreche ich. Ich will euch ein
neues Leben geben. Ich habe einige Verbündete in den Ordenstruppen,
die mir Überlebende und zurückgelassene Kinder her schmuggeln. Die
Methoden des Ordens sind grausam und rabiat. Ich wünschte nur es
wäre möglich mehr Leute zu retten"
Rias Augen
glänzten und ihr Blick schien weit, weit weg zu reichen. Sie schien
all das Leid zu sehen und zu verstehen. Sie erinnerte sich an etwas.
Joshua
fühlte sich mit einem Mal sicher. Diese Frau war keine abgebrühte
Lügnerin. Vielleicht gab es in diesem verfluchten Land ja doch noch
Engel.
Sein
Land... Plötzlich schoss es ihm wieder in den Kopf. Seine Truppe war
ausradiert. Aber was war mit den Kämpfern, die auf dem blauen Platz
hingerichtet werden sollten?
"Das
war ein Hinterhalt, oder? Sagen Sie mir bitte, Ria, was ist mit den
Rebellen geschehen, die auf dem blauen Platz hingerichtet werden
sollten?!"
"Oh
Joshua, es tut mir so leid. Du musst wissen..."
Und Ria
erzählte ihm die ganze Wahrheit.
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