Mittwoch, 28. März 2012

BS: Wege des Glücks 5

geschrieben von Blue Siren



5. Kapitel - Erloschener Stern

Joshua und die Rebellen waren nun seit einigen Tagen unterwegs. Und es gab kaum Momente, an denen er nicht an seine Schwester dachte. Doch wenigstens war er mit seinen Sorgen nicht allein. Auch sein Mitstreiter Axel hatte seine Schwester zurückgelassen.
Alle, die mit marschierten, hatten etwas zurückgelassen.
Seien es Familie, Freunde oder Gnade und sämtliche Gefühle.
Bald würden sie den blauen Platz erreichen.
Inzwischen waren sie kurz vor Tobaco City, als jemand laut "Stopp" sagte.
Es war einer der hinteren Männer. Die Gruppe, bestehend aus etwa 35 Männern, drehte sich zu ihm um.
Der relativ kleine Mann schluckte angesichts der ermüdeten und kalten Blicke, die nun alle auf ihn gerichtet waren.
"Findet ihr es nicht komisch?"
"Was?!", schnauzte ein Mann mit Bart.
"Obwohl morgen eine Hinrichtung stattfinden wird, sind nirgendwo Wachen unterwegs. Die müssten doch mit einem Gegenangriff rechnen, oder? Könnte das nicht...?"
Seine Worte wurden von einem lauten Knall und einem Lichtblitz abgebrochen. Einige Männer wurden fortgeschleudert. Joshua und Axel wurden von einer Druckwelle mitgerissen und landeten hart auf dem Boden.
Eine Handgranate - Es war also doch eine verdammte Falle! Joshua nahm seinen Baseballschläger in die eine Hand, die Pistole in die andere. Er war kein Meisterschütze, aber er würde einfach nah genug hingehen um zu treffen. In seinen Augenwinkeln lagen bereits Leichen seiner Kameraden und auch Axel regte sich nicht mehr. Unter seinem Kopf breitete sich eine Blutlache aus. Joshua biss die Zähne zusammen und stürzte sich auf einen der Soldaten, die aus allen Richtungen angelaufen kamen. Er schaffte es den Soldaten mit dem Baseballschläger außer Gefecht zu setzen. Dann richtete er die Pistole auf den Kopf des am Boden liegenden Mannes. Seine Hand zitterte und er schluckte. Das Gewicht der Pistole schien sich in seiner Hand verdoppelt zu haben und sein Finger lag auf dem Abzug.
"Scheiße! Verdammt nochmal!", fluchte er und wandte sich ab.
Plötzlich gab es hinter ihm wieder eine Explosion und er sah nur wie etwas auf ihn zuflog. Dann wurde es schwarz. Ganz schwarz...

Joshuas Kopf brannte und er sah nichts. Das machte ihn wahnsinnig, denn er spürte, dass er mit etwas zugedeckt war. Und er fühlte, wie ihm jemand etwas Nasses, Kühles auf den Kopf legte. Das tat gut...
Joshua versuchte seine Augen zu öffnen, doch sobald sie ein Stück offen waren, wurde er von einem grellen Licht geblendet. Er versuchte etwas zu sagen, aber es kam nur ein Röcheln aus seinem Hals. Trocken und rau fühlte sich seine Kehle an und Joshua wollte etwas zu trinken.
"Schhh... Nicht sprechen. Ich werde dir gleich ein wenig Wasser geben."
Es war eine samtige Frauenstimme.
Wo zum Teufel war er?!
Eine raue, aber feinfühlige Hand legte sich an sein Kinn und öffnete seinen Mund. Vorsichtig wurde Wasser hinein geträufelt. Joshua spürte, wie durstig er wirklich gewesen war. Er wollte sich aufsetzen, um besser Trinken zu können. Eine Hand stützte ihn. Er blinzelte langsam, der kühle Lappen rutschte seine Stirn herunter und fiel ihm in den Schoß. Langsam konnte er etwas erkennen. Sein Kopf pochte, doch er nahm als erstes die Wasserflasche, die die Hand ihm hinhielt und trank sie in wenigen Zügen aus. Dann erst, wagte er sich umzuschauen.
"Welch ein Glück, dass du wieder wach bist..."
Joshua wandte seinen Kopf zur Seite. An dem Bett, in dem er lag, saß eine Frau, wohl Mitte fünfzig, Anfang sechzig. Ihr weibliches Gesicht war bereits von einigen Falten durchzogen und das einst wohl goldblonde Haar ergraute langsam.
"Wo bin ich hier?", fragte Joshua.
"Solltest du dich nicht erstmal bedanken?", sagte die Frau und lächelte verschmitzt.
"Oh klar...", Joshua wurde rot, "Danke."
"Schon besser", sagte die Frau und drückte ihn zurück aufs Bett. Dann legte sie ihm den feuchten Lappen wieder auf die Stirn.
"Mein Name ist Ria. Und du bist hier nördlich von Tobaco City, in den Wäldern von Santa Cruz. Ich habe dich hierherbringen lassen. Leider bist du der Einzige deiner Truppe, den meine Männer retten konnten... Es tut mir leid."
Joshua atmete scharf ein. Richtig, der Hinterhalt. Also war er der einzige der überlebt hatte, aber wie war das möglich? Wie konnte er entkommen sein?
Joshua sah Ria an und entdeckte das Abzeichen des Ordens an ihrer Brust.
Er wich zurück und sein Blick wurde düster. Mit grimmiger Miene sah er seine Retterin an.
"Sie sind vom Orden?", knurrte er.
Ria sah an sich herunter auf das Abzeichen, das alle Ordensmitglieder tragen mussten.
"Ja, aber keine Sorge, ich bin keine von diesen Kriegstreibern und Ausbeutern. Ich bin mehr das Heilkraut, das im Schatten wächst."
Ria lächelte, als sie das sagte. Dann legte sie ihre Hände auf Joshuas.
"Ich verabscheue die Grausamkeit des Ordens. Ich will helfen und ein Stück wieder gut machen, was diese Faschisten dort draußen angerichtet haben. Deswegen kümmere ich mich um Rebellen und Hilfsbedürftige."
"Ist das nicht gefährlich?"
"Mein Haus hier in den Wäldern ist einsam und unauffällig. Du bist hier sicher. Außerdem war ich einst ziemlich wichtiges Ordensmitglied - Ich werde nur selten und ungenau kontrolliert. Mach dir keine Sorgen... - äh, wie ist dein Name, Junge?"
"Joshua."
"Freut mich dich kennen zu lernen, Joshua. Obschon die Umstände für unser Treffen eher traurig sind."
Joshua nickte nur. Er konnte nicht glauben, dass es auch nette Ordensleute gab. Doch plötzlich ging die Tür zu dem kleinen Zimmer auf. Ein junges Mädchen mit zerfledderten Kleidern trat herein, hinter ihr ein Mann, dem ein Auge fehlte. Er trug eine Kampfuniform des Ordens!
"Ria, hast du etwas Ordentliches zum Anziehen für sie? Ich habe sie vor einer Stunde aus einer Ruine geholt."
Joshua starrte wie gebannt auf den Soldaten.
Ria stand auf und kniete sich vor das kleine Mädchen.
"Wie heißt du, Kleines?"
"Maki.", rief die Kleine.
"Oh was für ein hübscher Name! Ich heiße Ria!"
Sie schüttelte der kleinen Maki die Hand. Dann wandte sie sich an den einäugigen Soldaten.
"Such ihr etwas aus der Kiste im Lagerraum und vergiss nicht ihr was zu essen zu geben! Die Kleine ist ja nur noch Haut und Knochen"
"Geht klar. Danke, Ria.", brummte der Soldat und führte Maki wieder aus dem Zimmer. Ria drehte sich erneut zu Joshua um.
"Joshua, möchtest du auch etwas essen?"
Der junge Mann schüttelte den Kopf, obwohl er sehr wohl hungrig war. Zu überfordert war sein Gehirn mit dem Geschehen. Freundliche, hilfsbereite Ordensmitglieder. War er im falschen Film?
Ria seufzte, als sie Joshuas verwirrten Blick sah.
"Ich weiß, wie komisch das hier scheinen mag. Ich weiß, was viele von euch alles durchmachen mussten - wegen meiner Leute. Du musst mich nicht mögen, aber bitte lass dich von mir gesund pflegen. Wenn du gesund bist, kannst du tun und lassen, was du willst. Aber am liebsten wäre es mir natürlich, wenn du hier bleiben würdest."
"Warum tun sie das?"
"Ich sagte dir doch bereits - ich will etwas von dem wieder gut machen, was euch angetan wurde. Das hier ist ein großer Hof. Ich kann immer Leute gebrauchen, die hier mithelfen. Dafür könnt ihr hier in Frieden und ohne Sorgen leben, das verspreche ich. Ich will euch ein neues Leben geben. Ich habe einige Verbündete in den Ordenstruppen, die mir Überlebende und zurückgelassene Kinder her schmuggeln. Die Methoden des Ordens sind grausam und rabiat. Ich wünschte nur es wäre möglich mehr Leute zu retten"
Rias Augen glänzten und ihr Blick schien weit, weit weg zu reichen. Sie schien all das Leid zu sehen und zu verstehen. Sie erinnerte sich an etwas.
Joshua fühlte sich mit einem Mal sicher. Diese Frau war keine abgebrühte Lügnerin. Vielleicht gab es in diesem verfluchten Land ja doch noch Engel.
Sein Land... Plötzlich schoss es ihm wieder in den Kopf. Seine Truppe war ausradiert. Aber was war mit den Kämpfern, die auf dem blauen Platz hingerichtet werden sollten?
"Das war ein Hinterhalt, oder? Sagen Sie mir bitte, Ria, was ist mit den Rebellen geschehen, die auf dem blauen Platz hingerichtet werden sollten?!"
"Oh Joshua, es tut mir so leid. Du musst wissen..."
Und Ria erzählte ihm die ganze Wahrheit.

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