2.Kapitel
- Die Pazifistin
Natasha
wurde von der Mittagshitze geweckt. Sie blinzelte und hustete
mehrmals wegen der staubigen Luft. Langsam richtete sie sich auf und
setzte ihre blanken Füße auf den Boden, der diese sofort mit einem
glücklichen Knarren begrüßte. Sie fuhr sich durch ihr langes
schwarzes Haar und strich die wilden Strähnen glatt so gut es ging.
Schnell bemerkte Tasha, dass Joshua nicht in der Hütte war. Aber da
er oft durch die Stadt strich, machte sie sich nicht mehr Sorgen um
ihn, als sie es sonst auch tun würde.
Verschwitzt
und immer noch erschöpft trottete sie hinaus zum Brunnen und holte
ein wenig Wasser um sich zu waschen. Tropfen liefen kalt und
erfrischend über ihr Gesicht.
Sie atmete
tief ein und setzte sich auf die vertrocknete Wiese. Es war zwar ein
trostloser Anblick, da die meisten Pflanzen verdorrt waren, jedoch
füllte Natasha ihre Umgebung durch Fantasie mit bunten Blumen und
grünen, kräftigen Bäumen, wie sie es einst in Büchern gelesen und
auf Bildern gesehen hatte. Sie wünschte sich, dass sie diese
blühende Natur irgendwann einmal sehen würde.
Dieser
Traum war wie ein Zufluchtsort für sie. Diese graue und schmutzige
Realität war hässlich, sie hasste die Gewalt und die
Ungerechtigkeit und Verabscheute die Grausamkeit der Menschen.
Irgendwann, sagte sie sich, irgendwann würde sie weit, weit weg
gehen.
Doch für
den Moment musste sie hier bleiben. Sie konnte nicht fort von hier,
solange ihr Bruder Luca kämpfte und solange Joshua sie anflehte, auf
ihn zu warten.
Luca war
der älteste der drei Geschwister, doch Natasha konnte ihren eins
sehr geliebten Bruder nicht verstehen. Er riskierte dort draußen
sein Leben und am Ende waren die ganzen Verluste und Schlachten doch
sinnlos. Der Orden würde immer gewinnen. Es hatte keinen Zweck, doch
Luca schien das nicht verstehen zu wollen. Nur Joshua zu Liebe, der
so sehr hoffte, dass Luca und die anderen Rebellenkämpfer den Kampf
doch noch gewinnen würden...
Nur
deswegen war sie noch hier.
Dabei
kannte sie Leute, die immer wieder kleiner Gruppen von Menschen aus
diesem Kochtopf der Hölle herausschmuggeln konnten. Es wäre ein
Marsch von vier Tagen - ein nicht ungefährlicher. Doch dann wäre
Natasha frei. Für immer frei.
Denn im
Nachbarland war genau das Paradies, dass sie sich immer erträumt
hatte. Natur in Hülle und Fülle und ein sicheres Leben unter einer
fairen Herrschaft. Aber sie würde warten und hoffen, reden und
versuchen Joshua dazu bewegen zu fliehen und ihre älteren Bruder
zurückzulassen, der zwar sein eigenes Todesurteil, aber nicht ihres
und Joshuas unterschrieben hatte.
Natasha
seufzte. Warum eiferten kleine Brüder ihren großen Brüdern nur
immer zu nach? Just in dem Moment, als Natasha beschloss zu zeichnen
und sich Papier und Kohle holen wollte, hörte sie ein Rufen.
"Natasha!
Natasha"
Sie drehte
sich in die Richtung des Lärms und sah wie eine, ihr bekannte
rothaarige Frau auf sie zu stürmte. Es war die Schwester von Joshuas
bestem Freund Axel. Ihr Name war Camille.
Camilles
Gesicht war nass von Tränen und ihre Augen waren rot. Sie schnaufte
und schluchzte und Natasha legte ihr besorgt eine Hand auf die
Schulter. Die andere Frau setzte zu einem Satz an, stotterte und
verschluckte sich und musste deshalb noch mehr husten.
"Tief
einatmen. Beruhige dich, Camille. Beruhige dich."
Natasha
führte Camille herein und ließ sie sich auf das Feldbett setzen,
dann zog sie ein Stofftaschentuch aus der Tasche am Bauch ihres
Kapuzenpullis und reichte es der aufgelösten Frau.
Camille
wischte sich die Tränen fort und biss sich auf die Lippe. Man sah
deutlich, dass sie sich sehr anstrengen musste, um weitere
Wasserfälle zurückzuhalten.
Dann
blickte sie Natasha mit ihren großen verweinten Augen an und sagte:
"Joshua
und Axel und die anderen Rebellen, die hier versteckt waren - Sie
sind nach Tobaco City aufgebrochen, um die Gefangenen zu befreien!
Sie haben alle Waffen genommen, die sie hatten und sind losgezogen!
Sie sind fort!"
Natasha war
unfähig zu denken oder sich zu bewegen.
Nicht
ihr Joshua!
Sie blieb
steif und stumm, sah Camille an, die Weiteres zu erzählte. Doch sie
hörte ihre Worte nicht.
Nein,
das konnte doch nicht möglich sein. Das durfte doch nicht wahr sein!
Natasha
stolperte rückwärts und stützte sich mit den auf dem Tisch ab.
Unter ihren Händen fühlte sie Papier. Langsam richtete sie ihren
Blick auf den Tisch. Auf der Zeitung, genau auf de Artikel über die
Rebellen lag ein kleiner Zettel. Auf ihm stand in Joshuas
Handschrift:
"Es
tut mir leid, aber ich kann nicht tatenlos länger zusehen, wie alles
was uns lieb ist, zerstört wird. Ich muss alles versuchen, was
möglich ist. Ich kann es nicht länger mit meinem Gewissen
vereinbaren, nur rumzusitzen, während dort draußen Menschen wie die
Fliegen sterben. Ich muss helfen. Vielleicht kann ich etwas bewegen.
Ich
weiß, dass du meinen Entschluss verurteilen wirst und ich nehme es
dir nicht übel, dass du Angst hast und nur weg willst. Und doch
bitte ich dich, bitte verzeih mir, wenn du kannst.
Pass gut
auf dich auf, ich hoffe, dass es dir gut gehen wird.
Ich
liebe dich, Natasha, von ganzem Herzen. Wir werden immer eine Familie
sein!
-Joshua"
Natasha las
die Zeilen immer und immer wieder. Dann schleuderte sie den Zettel
auf den Boden und brüllte. Camille, die immer noch auf dem Bett saß,
schreckte hoch und wich ein Stück zurück. Doch Natashas Wut war
nicht von langer Dauer. Sie sank zitternd und schluchzend auf die
Knie, hob den Zettel auf und drückte ihn ganz fest an ihre Brust,
während sie weinte. Camille kam näher, legte den Arm um Natasha und
ließ ihren Tränen ebenfalls freien Lauf.
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