Montag, 12. März 2012

BS: Wege des Glücks 2

geschrieben von Blue Siren



2.Kapitel - Die Pazifistin

Natasha wurde von der Mittagshitze geweckt. Sie blinzelte und hustete mehrmals wegen der staubigen Luft. Langsam richtete sie sich auf und setzte ihre blanken Füße auf den Boden, der diese sofort mit einem glücklichen Knarren begrüßte. Sie fuhr sich durch ihr langes schwarzes Haar und strich die wilden Strähnen glatt so gut es ging. Schnell bemerkte Tasha, dass Joshua nicht in der Hütte war. Aber da er oft durch die Stadt strich, machte sie sich nicht mehr Sorgen um ihn, als sie es sonst auch tun würde.
Verschwitzt und immer noch erschöpft trottete sie hinaus zum Brunnen und holte ein wenig Wasser um sich zu waschen. Tropfen liefen kalt und erfrischend über ihr Gesicht.
Sie atmete tief ein und setzte sich auf die vertrocknete Wiese. Es war zwar ein trostloser Anblick, da die meisten Pflanzen verdorrt waren, jedoch füllte Natasha ihre Umgebung durch Fantasie mit bunten Blumen und grünen, kräftigen Bäumen, wie sie es einst in Büchern gelesen und auf Bildern gesehen hatte. Sie wünschte sich, dass sie diese blühende Natur irgendwann einmal sehen würde.
Dieser Traum war wie ein Zufluchtsort für sie. Diese graue und schmutzige Realität war hässlich, sie hasste die Gewalt und die Ungerechtigkeit und Verabscheute die Grausamkeit der Menschen. Irgendwann, sagte sie sich, irgendwann würde sie weit, weit weg gehen.
Doch für den Moment musste sie hier bleiben. Sie konnte nicht fort von hier, solange ihr Bruder Luca kämpfte und solange Joshua sie anflehte, auf ihn zu warten.
Luca war der älteste der drei Geschwister, doch Natasha konnte ihren eins sehr geliebten Bruder nicht verstehen. Er riskierte dort draußen sein Leben und am Ende waren die ganzen Verluste und Schlachten doch sinnlos. Der Orden würde immer gewinnen. Es hatte keinen Zweck, doch Luca schien das nicht verstehen zu wollen. Nur Joshua zu Liebe, der so sehr hoffte, dass Luca und die anderen Rebellenkämpfer den Kampf doch noch gewinnen würden...
Nur deswegen war sie noch hier.
Dabei kannte sie Leute, die immer wieder kleiner Gruppen von Menschen aus diesem Kochtopf der Hölle herausschmuggeln konnten. Es wäre ein Marsch von vier Tagen - ein nicht ungefährlicher. Doch dann wäre Natasha frei. Für immer frei.
Denn im Nachbarland war genau das Paradies, dass sie sich immer erträumt hatte. Natur in Hülle und Fülle und ein sicheres Leben unter einer fairen Herrschaft. Aber sie würde warten und hoffen, reden und versuchen Joshua dazu bewegen zu fliehen und ihre älteren Bruder zurückzulassen, der zwar sein eigenes Todesurteil, aber nicht ihres und Joshuas unterschrieben hatte.

Natasha seufzte. Warum eiferten kleine Brüder ihren großen Brüdern nur immer zu nach? Just in dem Moment, als Natasha beschloss zu zeichnen und sich Papier und Kohle holen wollte, hörte sie ein Rufen.
"Natasha! Natasha"
Sie drehte sich in die Richtung des Lärms und sah wie eine, ihr bekannte rothaarige Frau auf sie zu stürmte. Es war die Schwester von Joshuas bestem Freund Axel. Ihr Name war Camille.
Camilles Gesicht war nass von Tränen und ihre Augen waren rot. Sie schnaufte und schluchzte und Natasha legte ihr besorgt eine Hand auf die Schulter. Die andere Frau setzte zu einem Satz an, stotterte und verschluckte sich und musste deshalb noch mehr husten.
"Tief einatmen. Beruhige dich, Camille. Beruhige dich."
Natasha führte Camille herein und ließ sie sich auf das Feldbett setzen, dann zog sie ein Stofftaschentuch aus der Tasche am Bauch ihres Kapuzenpullis und reichte es der aufgelösten Frau.
Camille wischte sich die Tränen fort und biss sich auf die Lippe. Man sah deutlich, dass sie sich sehr anstrengen musste, um weitere Wasserfälle zurückzuhalten.
Dann blickte sie Natasha mit ihren großen verweinten Augen an und sagte:
"Joshua und Axel und die anderen Rebellen, die hier versteckt waren - Sie sind nach Tobaco City aufgebrochen, um die Gefangenen zu befreien! Sie haben alle Waffen genommen, die sie hatten und sind losgezogen! Sie sind fort!"
Natasha war unfähig zu denken oder sich zu bewegen.
Nicht ihr Joshua!
Sie blieb steif und stumm, sah Camille an, die Weiteres zu erzählte. Doch sie hörte ihre Worte nicht.
Nein, das konnte doch nicht möglich sein. Das durfte doch nicht wahr sein!
Natasha stolperte rückwärts und stützte sich mit den auf dem Tisch ab. Unter ihren Händen fühlte sie Papier. Langsam richtete sie ihren Blick auf den Tisch. Auf der Zeitung, genau auf de Artikel über die Rebellen lag ein kleiner Zettel. Auf ihm stand in Joshuas Handschrift:

"Es tut mir leid, aber ich kann nicht tatenlos länger zusehen, wie alles was uns lieb ist, zerstört wird. Ich muss alles versuchen, was möglich ist. Ich kann es nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren, nur rumzusitzen, während dort draußen Menschen wie die Fliegen sterben. Ich muss helfen. Vielleicht kann ich etwas bewegen.
Ich weiß, dass du meinen Entschluss verurteilen wirst und ich nehme es dir nicht übel, dass du Angst hast und nur weg willst. Und doch bitte ich dich, bitte verzeih mir, wenn du kannst.
Pass gut auf dich auf, ich hoffe, dass es dir gut gehen wird.
Ich liebe dich, Natasha, von ganzem Herzen. Wir werden immer eine Familie sein!
-Joshua"

Natasha las die Zeilen immer und immer wieder. Dann schleuderte sie den Zettel auf den Boden und brüllte. Camille, die immer noch auf dem Bett saß, schreckte hoch und wich ein Stück zurück. Doch Natashas Wut war nicht von langer Dauer. Sie sank zitternd und schluchzend auf die Knie, hob den Zettel auf und drückte ihn ganz fest an ihre Brust, während sie weinte. Camille kam näher, legte den Arm um Natasha und ließ ihren Tränen ebenfalls freien Lauf.

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