geschrieben von Blue Siren
4.
Kapitel - Nächster Halt: Paradies
Natashas
Hütte
Schnell war
Natashas weniges Hab und Gut gepackt. Nun, da ihre beiden Brüder sie
verlassen hatten, hielt sie nichts mehr. Dennoch wollten ihre Tränen
nicht aufhören, ihre Wangen hinab zu rieseln.
Sie
platzierte einen Brief auf dem Tisch, falls einer ihrer Brüder
jemals wieder zurückkehren sollte. Doch sie konnte und würde nun
nicht mehr länger warten. Joshua, Luca und sie waren nun jeder auf
sich allein gestellt.
Natasha
nahm die Reisetasche und verließ die Hütte. Draußen wartete
Camille.
Camille,
die ebenfalls nichts mehr hatte, was sie halten könnte.
Camille,
die auch nur raus aus dieser Hölle wollte.
In
hoffentlich vier Tagen, würden sie endlich das gelobte Land
erreichen. Ihr Ziel war der Lebensmittelladen von Zacharias Fitz, der
aus geschäftlichen Gründen immer wieder ins Nachbarland fahren
musste und regelmäßig Flüchtlinge zwischen seinen Waren verstecken
konnte. Doch erstmal mussten sie aus den gut bewachten, inneren Zonen
entkommen.
Nach zwei
Stunden Fußmarsch, machten Camille und Natasha das erste Mal eine
kurze Pause. Sie mussten sich Essen und Wasser gut einteilen, denn
viel hatten sie nicht zur Verfügung. Die erste bewachte Zonengrenze
war nicht mehr weit entfernt. Camille saß vor Natasha auf dem Gras
und biss von ihrer Brothälfte ab. Immer wieder gluckste und
schniefte sie. Natasha wusste, dass es Camille noch schwerer fiel,
ihren Bruder Axel allein zu lassen. Die Beiden waren Zwillinge, der
Geschwisterbund noch enger und Camille war schon immer eine
weinerliche und sensible Mimose gewesen. Natasha rechnete fast damit,
dass Camille einen Rückzieher machen würde.
"Es
ist so schwer...", schluchzte Camille, "Ich habe das
Gefühl, dass ich Axel nie wieder sehen werde. A-Aber ich weiß, dass
ich auch an mich denken muss. Ich will nicht länger hier bleiben,
Tasha. Versprechen wir uns: Was auch immer geschieht - wir werden
hier rauskommen, okay?"
Camille
blickte zu Natasha hoch und es schien, dass Camille das erste Mal
voll entschlossen war. Natasha lächelte und reichte ihrer Freundin
die Hand.
"Versprochen.
Wir werden von hier fliehen."
Sie ruhten
sich noch einige Momente aus, tankten Kraft und versicherten sich
innerlich ihrer Resolution - dann ging es weiter. Weiter in Richtung
Freiheit.
Als es
dunkel wurde, näherten sich Natasha und Camille einem hohen Zaun,
verstärkt mit Stacheldraht. Ein kleines Häuschen stand davor - das
Wachhäuschen. Diese waren in einem Abstand von 80 Metern entlang des
Zauns aufgestellt. Camille und Tasha mussten den richtigen Zeitpunkt
zwischen den Patrouillen abpassen, um ein Loch unter dem Zaun
schaufeln zu können und hindurchzukriechen.
Vorsichtig
näherten sie sich und achteten darauf, immer hinter den Büschen
versteckt zu bleiben. Hinter dem kleinen Felsvorsprung, auf dem die
beiden Mädchen sich versteckten, etwa in 50 Meter Entfernung liefen
zwei bewaffnete Ordensmänner von einem Wachhäuschen zum anderen.
Auf der Fläche vor und hinter dem Zaun waren kaum Pflanzen oder
Hügel, damit man sofort sah, wenn jemand versuchte sich der
Sperrgrenze zu nähern. Gehüllt in dunkle, unauffällige Gewänder
pirschte Natasha vor.
Sie hatte
sich vorher gut informiert, eine Stunde lang hatten Tasha und Camille
die Prozedere an den Wachhäuschen observiert, um sich auch ganz
sicher zu sein.
Dennoch -
Natashas Herz schlug so schnell wie nie und sie wagte sich trotz der
Entfernung kaum zu atmen. Von dieser Sperrgrenze hing alles ab.
Dahinter mussten sie nur noch in die nächste Stadt, in der sich der
Laden von Zacharias Fitz befand. Der würde sie über die anderen
Grenzen und letztlich auch über die Hauptgrenze zum Nachbarland
mitnehmen. So weit entfernt war ihr Ziel gar nicht mehr. Sie konnten
es schaffen. Als die Wachen in den Wachhäuschen verschwanden,
stupste Natasha Camille an und flüsterte: "Jetzt!"
Sie hatten
circa fünf Minuten Zeit bevor die nächste Schicht den Weg am Zaun
ablief. Bis dahin mussten sie ein Stück voran kommen, immer weiter
in dem Intervall, in dem die Wachen wechselten. Bis vor den Zaun.
Die beiden
krabbelten los, den Abhang hinunter und ein Stück weiter. Die Tür
des Häuschens öffnete sich und Natasha und Camille warfen sich auf
den Boden hinter ein Gestrüpp. Die Wache leuchtete einmal mit einem
Handscheinwerfer über das Gelände. Camille kniff die Augen zu und
Natasha schnappte nach Luft, als der Lichtkegel über sie hinweg
glitt. Die zweite Wache trat aus dem anderen Häuschen. Und beide
liefen sich am Zaun entlang entgegen. Wenn sie sich in der Mitte
trafen, würden sie erneut leuchten und wenn sie anschließend in das
Häuschen traten noch einmal.
Solange die
Wachen draußen waren, würden sie nicht weiterkommen.
Bis knapp
vor den Zaun konnte es noch klappen, aber dann wenn der Boden eben
und öde wurde, jegliches Gestrüpp und jeder Stein staubtrockenem
Sand gewichen war, würde es knifflig werden. Doch das schwierigste
Zeitfenster war das, wenn Tasha und Camille am Zaun angekommen waren.
Fünf Minuten um ein Loch zu graben, unter dem Zaun durchzukriechen
und dann zu rennen, wie noch nie in ihrem Leben zuvor.
Es war
nicht unmöglich, aber Natasha wurde von einer kalten Angst
ergriffen.
Es war
gefährlich. Ein kleiner Fehler würde ausreichen, um ihren Tod zu
besiegeln. Wenn die Patrouillen sie sahen, würden sie sie sofort
erschießen. Natasha wollte nicht so kurz vor ihrer ersten Zieletappe
erschossen werden. Sie wollte nur einmal die Freiheit genießen, nur
einmal die grünen Wiesen und Bäume betrachten und nur einmal die
frische Luft atmen.
Die
nächsten Meter konnten Camille und Natasha sich ohne Probleme heran
pirschen, doch dann kam der trockene Staubboden. Die Sonne war
inzwischen verschwunden und es wurde kälter. Doch das war umso
hilfreicher. Die Wachen verschwanden in ihren Häuschen. Camille und
Natasha rannten und warfen sich frühzeitig auf den Boden, kauerten
sich zusammen, um mehr wie ein Stein oder Hügel auszusehen. Ein
Scheinwerfer flog über sie hinweg. Doch plötzlich blieb der
Lichtkegel über Natasha. Sie biss sich auf die Lippe und kniff die
Augen zu. Ein Schuss ertönte und hinter ihnen jaulte ein Wolf auf.
Natasha atmete aus und merkte, wie warmes Blut ihr Kinn herunterlief.
Sie hatte sich die Lippe aufgebissen.
Weiter und
weiter ging es und Natashas Herz drohte fast zu zerspringen vor
Angst. So nah waren sie dem Zaun. Und so nah an der Gefahr... Ein
falscher Schritt, ein falscher Laut...
Sie wollte
nicht daran denken. Konzentration war alles, was jetzt zählte.
Es wird
gut gehen, es wird gut gehen. Wir schaffen das, wir schaffen das...
Immer und
immer wieder betete sie in ihrem Geist dieses Mantra herunter.
Gleich
würden die Wachen wieder verschwinden. Das war der letzte Schritt.
Sie mussten sich beeilen, so schnell wie möglich unter dem Zaun
hindurch zu kommen. Das war der alles entscheidende Moment.
3, 2, 1...
und sie konnten los!
Natasha
schnappte sich die kleine Schaufel aus ihm Rucksack und kratzte den
staubigen Boden weg. Camille half mit den Händen.
Verdammt,
es ging nicht schnell genug!
"Schneller.",
flüsterte Camille, "Gleich können wir durch."
"Ok
versuch's jetzt!"
Camille
zwängte sich durch die Öffnung. Ihr Kopf war problemlos auf der
anderen Seite. Langsam schob sie ihren Körper unter dem spitzen
Stacheldrahtzaun hindurch. Es war knapp, doch es klappte. Camille
rappelte sich auf und Natasha sah, dass sie vor Glück fast weinte.
Natasha wollte grade ihren Kopf hin durchstecken, als die Türen des
Häuschens aufgingen. Natasha und Camille erstarrten. Vielleicht,
beteten sie, würde er sie nicht sehen.
Falsche
Hoffnungen - Der Wachmann erblickte die beiden.
Sofort
brüllte er: "Flüchtlinge! Erschießt sie!"
Und die
Gewehrkugeln flogen durch die Luft...
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