Montag, 26. März 2012

BS: Wege des Glücks 4

geschrieben von Blue Siren


4. Kapitel - Nächster Halt: Paradies

Natashas Hütte

Schnell war Natashas weniges Hab und Gut gepackt. Nun, da ihre beiden Brüder sie verlassen hatten, hielt sie nichts mehr. Dennoch wollten ihre Tränen nicht aufhören, ihre Wangen hinab zu rieseln.
Sie platzierte einen Brief auf dem Tisch, falls einer ihrer Brüder jemals wieder zurückkehren sollte. Doch sie konnte und würde nun nicht mehr länger warten. Joshua, Luca und sie waren nun jeder auf sich allein gestellt.
Natasha nahm die Reisetasche und verließ die Hütte. Draußen wartete Camille.
Camille, die ebenfalls nichts mehr hatte, was sie halten könnte.
Camille, die auch nur raus aus dieser Hölle wollte.
In hoffentlich vier Tagen, würden sie endlich das gelobte Land erreichen. Ihr Ziel war der Lebensmittelladen von Zacharias Fitz, der aus geschäftlichen Gründen immer wieder ins Nachbarland fahren musste und regelmäßig Flüchtlinge zwischen seinen Waren verstecken konnte. Doch erstmal mussten sie aus den gut bewachten, inneren Zonen entkommen.

Nach zwei Stunden Fußmarsch, machten Camille und Natasha das erste Mal eine kurze Pause. Sie mussten sich Essen und Wasser gut einteilen, denn viel hatten sie nicht zur Verfügung. Die erste bewachte Zonengrenze war nicht mehr weit entfernt. Camille saß vor Natasha auf dem Gras und biss von ihrer Brothälfte ab. Immer wieder gluckste und schniefte sie. Natasha wusste, dass es Camille noch schwerer fiel, ihren Bruder Axel allein zu lassen. Die Beiden waren Zwillinge, der Geschwisterbund noch enger und Camille war schon immer eine weinerliche und sensible Mimose gewesen. Natasha rechnete fast damit, dass Camille einen Rückzieher machen würde.
"Es ist so schwer...", schluchzte Camille, "Ich habe das Gefühl, dass ich Axel nie wieder sehen werde. A-Aber ich weiß, dass ich auch an mich denken muss. Ich will nicht länger hier bleiben, Tasha. Versprechen wir uns: Was auch immer geschieht - wir werden hier rauskommen, okay?"
Camille blickte zu Natasha hoch und es schien, dass Camille das erste Mal voll entschlossen war. Natasha lächelte und reichte ihrer Freundin die Hand.
"Versprochen. Wir werden von hier fliehen."
Sie ruhten sich noch einige Momente aus, tankten Kraft und versicherten sich innerlich ihrer Resolution - dann ging es weiter. Weiter in Richtung Freiheit.

Als es dunkel wurde, näherten sich Natasha und Camille einem hohen Zaun, verstärkt mit Stacheldraht. Ein kleines Häuschen stand davor - das Wachhäuschen. Diese waren in einem Abstand von 80 Metern entlang des Zauns aufgestellt. Camille und Tasha mussten den richtigen Zeitpunkt zwischen den Patrouillen abpassen, um ein Loch unter dem Zaun schaufeln zu können und hindurchzukriechen.
Vorsichtig näherten sie sich und achteten darauf, immer hinter den Büschen versteckt zu bleiben. Hinter dem kleinen Felsvorsprung, auf dem die beiden Mädchen sich versteckten, etwa in 50 Meter Entfernung liefen zwei bewaffnete Ordensmänner von einem Wachhäuschen zum anderen. Auf der Fläche vor und hinter dem Zaun waren kaum Pflanzen oder Hügel, damit man sofort sah, wenn jemand versuchte sich der Sperrgrenze zu nähern. Gehüllt in dunkle, unauffällige Gewänder pirschte Natasha vor.
Sie hatte sich vorher gut informiert, eine Stunde lang hatten Tasha und Camille die Prozedere an den Wachhäuschen observiert, um sich auch ganz sicher zu sein.
Dennoch - Natashas Herz schlug so schnell wie nie und sie wagte sich trotz der Entfernung kaum zu atmen. Von dieser Sperrgrenze hing alles ab. Dahinter mussten sie nur noch in die nächste Stadt, in der sich der Laden von Zacharias Fitz befand. Der würde sie über die anderen Grenzen und letztlich auch über die Hauptgrenze zum Nachbarland mitnehmen. So weit entfernt war ihr Ziel gar nicht mehr. Sie konnten es schaffen. Als die Wachen in den Wachhäuschen verschwanden, stupste Natasha Camille an und flüsterte: "Jetzt!"

Sie hatten circa fünf Minuten Zeit bevor die nächste Schicht den Weg am Zaun ablief. Bis dahin mussten sie ein Stück voran kommen, immer weiter in dem Intervall, in dem die Wachen wechselten. Bis vor den Zaun.
Die beiden krabbelten los, den Abhang hinunter und ein Stück weiter. Die Tür des Häuschens öffnete sich und Natasha und Camille warfen sich auf den Boden hinter ein Gestrüpp. Die Wache leuchtete einmal mit einem Handscheinwerfer über das Gelände. Camille kniff die Augen zu und Natasha schnappte nach Luft, als der Lichtkegel über sie hinweg glitt. Die zweite Wache trat aus dem anderen Häuschen. Und beide liefen sich am Zaun entlang entgegen. Wenn sie sich in der Mitte trafen, würden sie erneut leuchten und wenn sie anschließend in das Häuschen traten noch einmal.
Solange die Wachen draußen waren, würden sie nicht weiterkommen.
Bis knapp vor den Zaun konnte es noch klappen, aber dann wenn der Boden eben und öde wurde, jegliches Gestrüpp und jeder Stein staubtrockenem Sand gewichen war, würde es knifflig werden. Doch das schwierigste Zeitfenster war das, wenn Tasha und Camille am Zaun angekommen waren. Fünf Minuten um ein Loch zu graben, unter dem Zaun durchzukriechen und dann zu rennen, wie noch nie in ihrem Leben zuvor.
Es war nicht unmöglich, aber Natasha wurde von einer kalten Angst ergriffen.
Es war gefährlich. Ein kleiner Fehler würde ausreichen, um ihren Tod zu besiegeln. Wenn die Patrouillen sie sahen, würden sie sie sofort erschießen. Natasha wollte nicht so kurz vor ihrer ersten Zieletappe erschossen werden. Sie wollte nur einmal die Freiheit genießen, nur einmal die grünen Wiesen und Bäume betrachten und nur einmal die frische Luft atmen.

Die nächsten Meter konnten Camille und Natasha sich ohne Probleme heran pirschen, doch dann kam der trockene Staubboden. Die Sonne war inzwischen verschwunden und es wurde kälter. Doch das war umso hilfreicher. Die Wachen verschwanden in ihren Häuschen. Camille und Natasha rannten und warfen sich frühzeitig auf den Boden, kauerten sich zusammen, um mehr wie ein Stein oder Hügel auszusehen. Ein Scheinwerfer flog über sie hinweg. Doch plötzlich blieb der Lichtkegel über Natasha. Sie biss sich auf die Lippe und kniff die Augen zu. Ein Schuss ertönte und hinter ihnen jaulte ein Wolf auf. Natasha atmete aus und merkte, wie warmes Blut ihr Kinn herunterlief. Sie hatte sich die Lippe aufgebissen.
Weiter und weiter ging es und Natashas Herz drohte fast zu zerspringen vor Angst. So nah waren sie dem Zaun. Und so nah an der Gefahr... Ein falscher Schritt, ein falscher Laut...
Sie wollte nicht daran denken. Konzentration war alles, was jetzt zählte.
Es wird gut gehen, es wird gut gehen. Wir schaffen das, wir schaffen das...
Immer und immer wieder betete sie in ihrem Geist dieses Mantra herunter.

Gleich würden die Wachen wieder verschwinden. Das war der letzte Schritt. Sie mussten sich beeilen, so schnell wie möglich unter dem Zaun hindurch zu kommen. Das war der alles entscheidende Moment.
3, 2, 1... und sie konnten los!
Natasha schnappte sich die kleine Schaufel aus ihm Rucksack und kratzte den staubigen Boden weg. Camille half mit den Händen.
Verdammt, es ging nicht schnell genug!
"Schneller.", flüsterte Camille, "Gleich können wir durch."
"Ok versuch's jetzt!"
Camille zwängte sich durch die Öffnung. Ihr Kopf war problemlos auf der anderen Seite. Langsam schob sie ihren Körper unter dem spitzen Stacheldrahtzaun hindurch. Es war knapp, doch es klappte. Camille rappelte sich auf und Natasha sah, dass sie vor Glück fast weinte. Natasha wollte grade ihren Kopf hin durchstecken, als die Türen des Häuschens aufgingen. Natasha und Camille erstarrten. Vielleicht, beteten sie, würde er sie nicht sehen.
Falsche Hoffnungen - Der Wachmann erblickte die beiden.
Sofort brüllte er: "Flüchtlinge! Erschießt sie!"
Und die Gewehrkugeln flogen durch die Luft...

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