Dienstag, 6. März 2012

BS: Wege des Glücks 1

geschrieben von Blue Siren



1. Kapitel - Der Entschluss

Kann denn Glück nicht so sein, wie Personen verschieden?

"Es hat erneut einen Putschversuch in Tobaco City gegeben. Jedoch haben die Truppen des Ordens einen großen Sieg erringen können...", zitierte Natasha die zerfledderte Zeitung in ihrer Hand und strich sich einer ihrer schwarzen Locken hinters Ohr. Ihr Bruder, der am anderen Ende der Hütte auf einem Feldbett saß, knirschte mit den Zähnen und sah mit finsterer Miene zu ihr.
"Überlebende?", fragte er und holte scharf Luft.
"Etwa 42 Leute der Rebellentruppen haben überlebt, aber 35 konnten gefangen genommen werden... Joshua... glaubst d-"
"Ich weiß es nicht, Tasha."
Joshua machte eine kurze Pause und legte den Kopf in seine Hände, als ob dieser zu schwer für seinen Hals geworden war.
"Was wird mit ihnen geschehen? Steht das auch in diesem tollen Artikel?!", fragte er schließlich.
Natasha schluckte und überflog die Zeilen des Zeitungsartikels, bis ihr Blick dunkel wurde und sie stockend antwortete: "In einer Woche sollen sie auf dem blauen Platz erschossen werden..."
Tasha legte die Zeitung auf den Tisch und biss sich auf die Unterlippe. Schützend legte sie die Arme um sich und tausende Gedanken schossen durch ihren Kopf. Sie spürte wie es in ihrem Kopf zu summen begann und stützte sich hilfesuchend auf den Tisch.
"Natasha, alles in Ordnung?", fragte Josh, der nun von dem staubigen Feldbett aufgestanden war.
"Es... wird schon gehen... Ich hoffe nur, dass Luca fliehen konnte... dass er nicht zu diesen Gefangenen gehört... dass er... nicht tot ist."
Tasha rieb sich ihre pochenden Schläfen. Joshua legte ihr seine Hände auf die Schultern und begann sie zu massieren.
"Keine Sorge. So leicht wird unser großer Bruder schon nicht draufgehen."
Er legte Natasha den Kopf in den Nacken und hauchte einen sanften Kuss auf ihre nackte Haut. Sie drehte den Kopf und sah ihn an. In ihren Augen lag so viel Leid, dass es ihn innerlich beinah zerriss.

Diese ständige Unsicherheit, der ständige Kampf um Haus, Essen, Trinken und ihr Leben.
Er zehrte an ihnen - an allen, die nicht Mitglieder des Ordens waren oder sich seine Gunst erkauft hatten.
Elend herrschte überall.  An jeder Straßenecke sah man abgemagerte Kinder, die im dreckigen Wasser verreckten. Draußen vor den Städten wurden die Totengräber der Menge an Verhungerten, Ermordeten, durch Krankheiten Dahingerafften, Verdursteten, Selbstmördern und einfach Gestorbenen nicht mehr Herr. Große Haufen von modernden Gebeinen türmten sich - ein Meer aus weißen Holzkreuzen umringte die Stadt und die wenigen Blumen, die auf einzelnen Gräbern lagen, waren bereits verwelkt. Der Himmel war dunkelgrau und bewölkt - ein klarer Himmel war nur noch selten zu sehen. Zu viele Abgase und andere Dämpfe hingen über der Stadt - über der Welt.
Die vertrocknende Szenerie, die Müllhalden und die Trostlosigkeit der ganzen Stadt wirkten wie ein apokalyptisches Szenario. Irgendwie unreal, irgendwie fern. Und gleichzeitig so nah, wenn man durch die heruntergekommenen Häuserblocks lief und einem der Gestank von Verwesung, Exkrementen und Müll in die Nase kroch und Brechreize auslöste.

Joshua führte seine Schwester zu dem Feldbett und deckte sie mit einer zerfledderten Decke zu.
"Bleib liegen, ich kümmere mich um alles."

Es dauerte nicht lange, da war Natasha eingeschlafen. Joshua packte schnell ein paar wichtige Sachen in einen Rucksack, steckte sich Dolche in die schweren Stiefel und befestigte eine Pistole an seinem Gürtel. Rasch nahm er ein Stück Kohle aus dem erloschenen Kamin und kritzelte seine Abschiedsworte auf ein vergilbtes Stück Papier. Dann schlich er sich aus der Hütte und stürmte in die Nacht hinaus.

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