1. Kapitel - Der Entschluss
Kann
denn Glück nicht so sein, wie Personen verschieden?
"Es hat erneut einen
Putschversuch in Tobaco City gegeben. Jedoch haben die Truppen des Ordens einen
großen Sieg erringen können...", zitierte Natasha die zerfledderte Zeitung
in ihrer Hand und strich sich einer ihrer schwarzen Locken hinters Ohr. Ihr
Bruder, der am anderen Ende der Hütte auf einem Feldbett saß, knirschte mit den
Zähnen und sah mit finsterer Miene zu ihr.
"Überlebende?", fragte er
und holte scharf Luft.
"Etwa 42 Leute der
Rebellentruppen haben überlebt, aber 35 konnten gefangen genommen werden...
Joshua... glaubst d-"
"Ich weiß es nicht, Tasha."
Joshua machte eine kurze Pause und
legte den Kopf in seine Hände, als ob dieser zu schwer für seinen Hals geworden
war.
"Was wird mit ihnen geschehen?
Steht das auch in diesem tollen Artikel?!", fragte er schließlich.
Natasha schluckte und überflog die
Zeilen des Zeitungsartikels, bis ihr Blick dunkel wurde und sie stockend
antwortete: "In einer Woche sollen sie auf dem blauen Platz erschossen
werden..."
Tasha legte die Zeitung auf den
Tisch und biss sich auf die Unterlippe. Schützend legte sie die Arme um sich
und tausende Gedanken schossen durch ihren Kopf. Sie spürte wie es in ihrem
Kopf zu summen begann und stützte sich hilfesuchend auf den Tisch.
"Natasha, alles in
Ordnung?", fragte Josh, der nun von dem staubigen Feldbett aufgestanden
war.
"Es... wird schon gehen... Ich
hoffe nur, dass Luca fliehen konnte... dass er nicht zu diesen Gefangenen
gehört... dass er... nicht tot ist."
Tasha rieb sich ihre pochenden
Schläfen. Joshua legte ihr seine Hände auf die Schultern und begann sie zu
massieren.
"Keine Sorge. So leicht wird
unser großer Bruder schon nicht draufgehen."
Er legte Natasha den Kopf in den
Nacken und hauchte einen sanften Kuss auf ihre nackte Haut. Sie drehte den Kopf
und sah ihn an. In ihren Augen lag so viel Leid, dass es ihn innerlich beinah
zerriss.
Diese ständige Unsicherheit, der
ständige Kampf um Haus, Essen, Trinken und ihr Leben.
Er zehrte an ihnen - an allen, die
nicht Mitglieder des Ordens waren oder sich seine Gunst erkauft hatten.
Elend herrschte überall. An jeder Straßenecke sah man abgemagerte
Kinder, die im dreckigen Wasser verreckten. Draußen vor den Städten wurden die
Totengräber der Menge an Verhungerten, Ermordeten, durch Krankheiten
Dahingerafften, Verdursteten, Selbstmördern und einfach Gestorbenen nicht mehr
Herr. Große Haufen von modernden Gebeinen türmten sich - ein Meer aus weißen
Holzkreuzen umringte die Stadt und die wenigen Blumen, die auf einzelnen
Gräbern lagen, waren bereits verwelkt. Der Himmel war dunkelgrau und bewölkt -
ein klarer Himmel war nur noch selten zu sehen. Zu viele Abgase und andere
Dämpfe hingen über der Stadt - über der Welt.
Die vertrocknende Szenerie, die
Müllhalden und die Trostlosigkeit der ganzen Stadt wirkten wie ein
apokalyptisches Szenario. Irgendwie unreal, irgendwie fern. Und gleichzeitig so
nah, wenn man durch die heruntergekommenen Häuserblocks lief und einem der
Gestank von Verwesung, Exkrementen und Müll in die Nase kroch und Brechreize
auslöste.
Joshua führte seine Schwester zu dem
Feldbett und deckte sie mit einer zerfledderten Decke zu.
"Bleib liegen, ich kümmere mich
um alles."
Es dauerte nicht lange, da war
Natasha eingeschlafen. Joshua packte schnell ein paar wichtige Sachen in einen
Rucksack, steckte sich Dolche in die schweren Stiefel und befestigte eine
Pistole an seinem Gürtel. Rasch nahm er ein Stück Kohle aus dem erloschenen
Kamin und kritzelte seine Abschiedsworte auf ein vergilbtes Stück Papier. Dann
schlich er sich aus der Hütte und stürmte in die Nacht hinaus.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen