Mittwoch, 2. Mai 2012

RL: Glück 1


geschrieben von Rabea L.

1.

Was ist das, was meine Aufmerksamkeit so unaufhörlich anzieht? Ich kann meinen Blick gar nicht mehr davon abwenden. Niemand außer mir scheint es zu bemerken, läuft daran vorbei, tritt darauf, als wäre es nichts wert. Wie kann man so etwas nur denken? Diese Banausen. Diese Welt heutzutage rennt nur so davon und keiner scheint mehr daran zu denken, wie schön die kleinen Dinge sind. Ich laufe nun direkt auf mein Lustobjekt zu, dem keiner Beachtung schenkt. Ich fange an wie verrückt zu grinsen. Ob mich die anderen für verrückt halten? Wobei, die anderen achten sowieso nur auf sich und haben ihre Scheuklappen auf. Ich gehe in die Knie und strecke meine Hand aus. Mein Grinsen wird immer breiter. Ich muss schon fast aufpassen, dass ich nicht anfange zu kichern, so sehr freue ich mich auf diese Kleinigkeit, die niemand für wichtig erachtet. Meine Finger zittern ganz leicht, weil sie wissen, dass sie gleich etwas ganz besonderes berühren werden, was sie nicht oft zu spüren bekommen. Ich beiße leicht auf meine Unterlippe, da ich die Freude noch etwas herauszögern will und dann hebe ich sie endlich auf. Diese kostbare Münze. Diese kleine Münze, die man höchstens einmal im Jahr findet und die einem unbeschreibliches Glück verschaffen soll. Ich halte den Glückscent ganz fest in meiner Hand und küsse die Finger, die den neuen Glücksbringer umschließen. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen und fange an wie wild auf und ab zu hüpfen, nachdem ich mich erhoben habe. Es ist mir egal, dass mich die anderen Menschen anstarren. Zu viel Abgedrehtheit ist wohl auch für diese sturen Zugpferde zu viel, dass sie anhalten und beschließen mich anzugaffen. Ich bin wohl interessant. Ein Teenager, in nicht ganz normalen Klamotten, der etwas vom Boden aufhebt und sich dann wie wild freut. Ich merke erst jetzt, dass man mich nicht belustigt anschaut. Die Gesichter in die ich blicke sind besorgt. Warum wohl? Ein paar Personen zücken ihre Mobiltelefone. Ich verstehe nichts mehr. Mein Lächeln verschwindet dennoch nicht aus meinem Gesicht. Ich habe immer noch meine Münze und das ist die Hauptsache. Ich verstehe zwar nicht, was hier gerade vor sich geht, aber es ist mir auch egal. Sie zeigen auf mich und tuscheln. Hmm. Ich schaue an mir herab. Auf einmal wird mir so einiges klar. Ich blute. Überall an mir hängt Blut. Ich bin voll davon. Diese wunderbare, tolle Kleinigkeit ist scharf und schneidet mir in die Hand. Ich halte sie wohl so fest, dass sie mir ins Fleisch geschnitten hat. Meine Euphorie hat das ganze überdeckt. Der Schmerz ist immer noch nicht schlimm. Er gefällt mir auf eine merkwürdige Weise. Ich lecke mir das Blut von meinem Arm und der metallene Geschmack macht mich wild. Ich fange an zu glucksen. Die Leute um mich herum schauen mich irritiert und eingeschüchtert an. Ich lächle sie an und nähere mich einem älter aussehendem Herren. „Na wollen sie auch mal probieren?“ Ich strecke ihm meine Hand hin. Die Glücksmünze ist mir mittlerweile egal. Mein Grinsen ist so breit, dass mir die Mundwinkel schmerzen. Der Mann weicht einen Schritt zurück, geht aber nicht ganz weg. Nett von ihm. Er versucht mich aufmunternd anzulächeln, hat aber zu große Angst. Ich bleibe stehen. Ich lege meine Kopf leicht schräg und funkle ihn mit meinen strahlenden Augen an. Auf einmal höre ich Sirenengeheule. Es kommt näher und näher, bis es seinen Standort behält. Die mich umgebene Menschenmasse scheint erleichtert zu sein, vor allem aber mein alter Herr. Er weicht noch einen Schritt nach hinten aus, als wüsste er, was gleich passiert.

1 Kommentar:

  1. Sehr spannend.. vor allem der erste Teil gefällt mir gut, wie man sich über Kleinigkeiten freuen kann, und wo die schöne, kindliche Freude dann plötzlich eine Grenze überschreitet und beginnt Angst zu machen. Schön, wie du diese Grenzregion umrissen hast. Ich bin gespannt auf die weiteren Kapitel!

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