3.
Nächster Morgen, nächste
Medikamentendosis. Ich schaue die meisten Patienten böse an, damit
sie nicht wagen mit mir zu sprechen. In einer Stunde ist
Gruppentherapie und ich könnte kotzen. Eine Stunde blödes labern
über seine Gefühle und ich bin auf jeden Fall dran, weil ich neu
bin. Tick tack. Ich laufe zum Galgen. Die Tür geht auf, alle sitzen
sie im Kreis und freuen sich auf die Therapie. Ich setze mich dazu
und fange an zu lächeln. Da ist er wieder. Er starrt mich auch schon
wieder an. Wie er wohl heißt? Ich werde es sicher erfahren. Es
beginnt. Klar ich muss anfangen. „Raven, 17, ich habe mein Glück
verloren.“ Er kommt nicht an die Reihe. Ich fange an zu heulen. War
aber auch irgendwie klar. Ohne Münze kann es auch nichts werden. Ich
fange an in den Gängen rumzulaufen, da stupst mich etwas von hinten
an der Schulter an. Erneut durchzuckt mich ein Blitz. Ich drehe mich
sofort um und lächle. Er lächelt diesmal auch und geht dann weiter.
Ich bin ratlos. Er schaut über seine Schulter und winkt unauffällig
mit einer Hand. Soll ich ihm etwa folgen? Ich bin sein Schatten und
verstehe seinen Weg nicht. Er läuft Kreuz und quer immer wieder
durch die gleichen Gänge. Bis wir draußen sind im Garten. Dort
setzt er sich auf eine Bank. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er
schaut mich belustigt an. „Angst dich hinzusetzen oder überlegst
du, ob du mich wieder schlagen sollst?“ Seine Stimme hatte etwas
beruhigendes und doch fing ich an zu weinen. Er erschrak.
„Gefühlsschwankungen...ist normal bei mir...“ Er nickt leicht,
schaut mich aber dennoch schuldig an. Ich setze mich neben ihn. „Ich
heiße Leovay. Schlägst du jeden, der dich anschaut?“ Ich fing an
zu grinsen. „Nein du bist der erste. Aber du hast mich auch
verfolgt, also war ich im Recht!“ Meine Stimme wurde etwas lauter.
Er legte mir einen Finger auf dem Mund und schüttelte sanft den
Kopf. Ich fühlte ein Kribbeln, wie ich es noch nie gespürt habe. Es
durchfuhr meinen ganzen Körper. Warum sind seine Berührungen nur so
magisch? „Du hast dein Glück verloren, hast du vorhin gesagt...
was meintest du damit?“ Während er das sagt, bewegt er seine Hand
auf meine unverletzte Hand und streichelt sie sanft. Eine sanfte röte
steigt in mein Gesicht. „Ich-ich“ Er schaut mir direkt in die
Augen und ich weiß nicht mehr, was ich sagen will. „Du?“ „Ähm
ja ich hatte das Glück auf der Straße gefunden, doch dann bin ich
wohl durchgedreht.“ Er schüttelt den Kopf. „Du bist nicht
durchgedreht. Du bist für mich eine der normalsten hier.“ „Danke“
Ich weine wieder und er schaut schuldig zu Boden. Seine Hand
streichelt immer noch meine. Ich weine deswegen nicht sehr lang. „Ich
denke es war gut. Durch den Verlust des einen Glücks habe ich dich
gefunden.“ Er schaut mich ungläubig an. Dann lächelt er. Auf
einmal bemerke ich es. Er rückt näher an mich heran. Ein
euphorisches Gefühl durchströmt mich. Ich schaue auf seine Lippen
und schließe dann meine Augen. Mein Herz pocht wie verrückt, als
seine Lippen meine berühren. Alle Gefühle strömen auf mich ein.
Ich fühle alles gleichzeitig und doch fühle ich nur ihn. Die Liebe
und das Glück, dass ich für einen Menschen empfinde, den ich erst
seit ein paar Stunden kenne. Mit dem ich erst ein paar Worte
gewechselt habe und mit dem ich mich doch so verbunden fühle. Als
sich meine Augen wieder öffnen, löse ich den Kuss. Er sieht genauso
zufrieden aus, wie ich mich fühle. Wir gehen gemeinsam zurück und
reden die ganze Zeit. Wir beachten niemanden mehr außer uns. Es gibt
nichts mehr in diesem Irrenhaus außer Leovay und mir. Er begleitet
mich in mein Zimmer und die Schwester sagt nichts dagegen. Auch als
er am Abend bei mir schläft macht das nichts. Es ist, als wäre
alles ein wunderschöner Traum aus dem ich gleich erwachen werde,
doch so ist es nicht. Ich schlafe in seinen Armen ein und habe seinen
Duft, seinen perfekten Duft in der Nase.
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