geschrieben von CarinA
4.
Kapitel
Also
wartete ich die nächsten Tage ab. Doch auch nach einer Woche lag
Marco immer noch im Koma. Ich war mittlerweile schon wieder halbwegs
auf den Beinen. Ich sollte noch einen Tag zur Beobachtung bleiben,
doch dann, so sagte es mir der Arzt, konnte ich wieder nach Hause.
Ich musste zwar mit Krücken laufen, doch das sollte kein Problem
darstellen. Doch ich freute mich ganz und gar nicht auf meine
Entlassung. Meine Mutter verstand mich einfach nicht. „Ich weiß
gar nicht was du hast. Sei doch froh, dass du endlich wieder nach
Hause kannst und nicht immer nur hier in der Klinik sein musst!“
„Mama, du weißt ganz genau, dass ich nach meiner Entlassung nicht
jeden Tag bei Marco sein kann. Du müsstest mich jeden Tag hierher
fahren!“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber das kann ich nicht. Ich
muss doch auch arbeiten!“ Ich nickte. „Ich weiß, und genau
deswegen werde ich mich hier in der Klinik mal erkundigen, ob ich
eine Möglichkeit habe, solange Marco hier ist, auch hier zu
schlafen!“ Sie zuckte erschrocken zusammen. „Aber Schatz, das
kannst du mir doch nicht antun. Ich habe mich so gefreut, als ich
erfahren habe, dass du morgen schon wieder zu mir nach Hause kommen
darfst!“ Aber sie konnte meine Entscheidung nicht ins Wanken
bringen. Ich machte mich auch sofort auf den Weg und fragte mich
soweit durch, bis ich endlich bei meinem Arzt landete. Er seufzte,
als ich ihm mein Vorhaben nahe brachte. „Ach Lara, so etwas habe
ich mir schon gedacht. Ich werde mich mal schlau machen, ob irgendein
Bett im Moment zur Verfügung steht.“
Am
folgenden Tag räumte ich auch schon meine Sachen in ein anderes
Zimmer, in das ich verlegt wurde, sodass ich die ganze Zeit bei Marco
bleiben konnte. Das tat ich auch. Ich wich nur von seiner Seite, wenn
es unbedingt sein musste. Am Wochenende kam dann auch meine Mutter
immer vorbei, doch sie verlor nie wieder ein Wort darüber, wann ich
denn vorhatte, wieder nach Hause zu kommen. Ich hatte ihr klipp und
klar zu verstehen gegeben, dass ich erst die Klinik wieder verlassen
würde, wenn es Marco wieder besser gehen würde.
Nach
drei Wochen war sein Zustand immer noch nicht stabiler geworden. Ich
wachte immer noch Tag für Tag an seinem Bett. Doch an diesem
Samstagmittag ging es auch mir nicht gut. Ich kämpfte schon den
ganzen Morgen immer mal wieder mit Übelkeit, konnte mir aber nicht
erklären, woher diese kam. Ich aß zwar immer regelmäßig, doch
nicht wirklich ausgiebig. Am Mittag kam der Doktor zu Marco, um zu
schauen, ob sich etwas verändert hatte und sah mich nachdenklich an.
„Na Lara, dir scheint es aber heute nicht gut zu gehen. Du bist ja
ganz blass!“ „Mir geht es auch nicht wirklich gut. Mir ist seit
heute morgen immer mal wieder übel!“ Er schaute mich genauer an.
„Mir wäre es wohler, wenn du dich jetzt kurz durchchecken lassen
würdest, nicht dass es irgendwelche späteren Folgen von dem Unfall
sind!“ Da ich nicht wirklich erfreut ihn anschaute, holte er
sogleich eine Krankenschwester, die mich dann in ein
Untersuchungszimmer brachte. Ein paar Minuten später erschien auch
der Doktor selber. „Ich habe gerade Zeit, da kann ich dich gleich
selber untersuchen!“ Ich lächelte ihm kurz zu. Er tastete meinen
Bauch ab, hörte danach aber sofort mit der Untersuchung auf. „Sag
mal Lara, wann hattest du denn das letzte Mal deine Periode?“ Ich
überlegte lange, da ich mich nicht mehr daran erinnern konnte. „Ähm,
das müsste noch vor dem Unfall gewesen sein, hier in der Klinik
hatte ich sie nicht…“ Er schaute mich skeptisch an. „Aber der
Unfall ist doch jetzt schon knapp 5 Wochen her.“ Ich schluckte
schwer und rechnete selber nach. Der Unfall lag tatsächlich schon
fast 5 Wochen zurück, und meine letzte Periode musste also schon
mehr als 5 Wochen zurückliegen. Ich starrte ihn erschrocken an. „Sie
meinen doch nicht…“ Aber er nickte. „Doch Lara, ich bin
eigentlich davon überzeugt, dass du schwanger bist!“ „Nein, nein
das kann gar nicht sein! Sie müssen sich irren!“ Doch er
schüttelte den Kopf. „Ich werde dich gleich mal in der Gynäkologie
anmelden, dort sollen die dich noch mal richtig untersuchen, aber ich
bin mir eigentlich ziemlich sicher. Alle Symptome sprechen dafür.“
Ich hörte ihm schon gar nicht mehr richtig zu. Wie konnte das sein?
Aber die größte Frage war: Wie sollte ich das schaffen? Die Ärzte
wussten immer noch nicht, ob es Marco überhaupt schaffen würde.
Meine Mutter würde nie noch einmal zu arbeiten aufhören, um mein
Kind groß zu ziehen. Doch ich konnte und wollte nicht einfach die
Schule abbrechen. Tausende von Fragen schwirrten in meinem Kopf, doch
ich fand keine Antwort. Die nächsten Stunden bekam ich nicht einmal
richtig mit, ich war so geschockt und versuchte eine Lösung zu
finden, doch ich fand sie nicht.
Die
folgenden Tage war ich nicht ansprechbar. Auch als meine Mutter
wieder in die Klinik kam, sprach ich kein Wort. Dem Anschein nach,
hatte ihr der Doktor schon die Nachricht meiner Schwangerschaft
überbracht, denn sie sprach andauernd von „Das wird schon wieder!“
oder „Wir schaffen das schon!“. Ich wusste zwar nicht, wie wir
das schaffen sollten, doch ich brachte es auch nicht über mich, sie
nach einer Lösung zu fragen. Da meine Mutter trotzdem arbeiten
musste, war ich am nächsten Tag wieder allein. Ich ging wie
gewöhnlich zu Marco und saß die ganze Zeit an seinem Bett. Es
gingen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Was mache ich,
wenn Marco wirklich nicht mehr aufwachen sollte? Ich als
alleinerziehende junge Mutter? Wer sollte das alles bezahlen?
Windeln, Babyklamotten, und alles was man nun mal für ein Kind
braucht? Ich ging ja noch zur Schule. Aber eins kam mir nie in Sinn,
nämlich das Baby gar nicht erst zu bekommen. In meiner Situation
wäre eine Abtreibung durchaus möglich. Doch das konnte ich nicht
über mich bringen. Es war schließlich ein Teil von mir und Marco
zusammen. Ich wusste nicht, wie ich es schaffen sollte, doch ich
wusste in diesem Moment schon eins: ich liebte dieses Kind in mir
schon zu diesem Zeitpunkt und nichts auf der Welt würde mich dazu
bringen, mein Baby abzutreiben.
Doch
meine Mutter dachte in dieser Hinsicht mal wieder komplett anders als
ich und kam am folgenden Wochenende mit einem Haufen Papierkram zu
mir. Sie erkundigte sich wie immer nach Marcos Zustand, kam dann aber
gleich zu dem nächsten Thema, dass sie belastete. „Schatz, schau
mal was ich hier alles mitgebracht habe. Du musst die Sachen nur noch
ausfüllen, und dann sollte es kein Problem mehr sein. Du wirst so
schnell wie möglich einen Termin bekommen, wenn es gut läuft, wird
es vielleicht sogar hier in der Klinik gemacht!“ Ich schaute sie
verwirrt an. „Wovon redest du?“ Als sei es das
Selbstverständlichste auf der Welt, sagte sie: „Na von der
Abtreibung! Wir sind uns ja wohl einig, dass dir ein Kind im Moment
gar nicht in den Kram passt. Wir wissen nicht, wie es mit Marco
weitergeht, außerdem gehst du noch zur Schule und ich muss arbeiten.
Zeit und vor allem auch Geld haben wir für ein Baby nun wirklich
nicht!“ Meine Augen weiteten sich vor Schreck und ich starrte meine
Mutter an. Währendessen blätterte sie schon in den
Abtreibungsunterlagen und erklärte mir schon, wie alles ablaufen
würde. Als sie mir dann einen Kugelschreiber gab, mit den Worten „Du
musst nur noch hier unterschreiben, dann wird alles wieder gut!“,
und auf eine Stelle deutete, wo ich unterschreiben sollte, platzte
mir der Kragen. „Wer sagt denn überhaupt, dass ich mein Baby
abtreiben will? Nur weil es dir nicht in den Kram passt, kannst du
doch nicht einfach so ein Leben wegwerfen! Dieses Kind“, und ich
deutete auf meinen Bauch, „ist ein Teil von mir und Marco, und ich
werde den Teufel tun und unser gemeinsames Baby töten!“ Einen
kurzen Augenblick war meine Mutter sprachlos, doch sie fasste sich
sehr schnell wieder und schüttelte daraufhin den Kopf. „Wie willst
du das anstellen? Marco liegt im Koma, die Ärzte können immer noch
nicht sagen, ob er überhaupt überlebt, geschweige denn, ob er
dieses Kind überhaupt will! Was ist, wenn er wieder aufwacht und er
mit der Situation total überfordert ist und das Baby gar nicht will?
Dann stehst du alleine da, ohne Geld, ohne Hilfe, ohne alles!! Damit
dir eins klar ist: Ich werde meine Arbeit nicht aufgeben, um für
dein Kind zu sorgen! Schau mal Schatz“, sie setzte sich näher zu
mir und nahm meine Hand, „du bist doch selber fast noch ein Kind.
Wie willst du denn da selber ein Kind großziehen? Du hast keine
Garantie, ob Marco auch schon ein Kind möchte, oder ob er überhaupt
wieder aus dem Koma erwacht. Und, so leid es mir auch tut, mir
gefällt meine Arbeit wirklich und ich möchte sie nicht wegen deinem
Kind auf das Spiel setzen, also auf meine Hilfe brauchst du gar nicht
erst bauen.“ Ich entriss ihr meine Hand. „Dann geh doch, wenn du
mich nicht mehr haben willst. Außerdem, rede nicht immer so
abwertend über Marco, du kennst ihn doch gar nicht richtig. Er würde
mich nie im Leben im Stich lassen!!“ Wir schrieen uns immer mehr
an, bis die Situation dann erst richtig eskalierte. Meine Mutter warf
mir vor, stur zu sein, mein Leben gerade wegzuwerfen und viele andere
böse Sachen. Doch auch ich schrie ihr entgegen, dass sie mein Baby
töten wolle und andere Dinge. Mit den Worten „Solange du dieses
Kind behältst, brauchst du gar nicht mehr bei mir auftauchen! Schau
doch selber, wie du es schaffst, ohne Geld und Mann ein Kind auf die
Welt zu bringen und anschließend großzuziehen!“ packte sie die
Unterlagen und ging rasch aus meinem Zimmer.
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