Samstag, 18. August 2012

SC: Die etwas eigenwillige Hypothese der Gratwanderung

Geschrieben von Soleila Charbon.


Die etwas eigenwillige Hypothese der Gratwanderung 

 


Dass das Glück und sein Gegenstück sich so oft berühren, so oft Hand in Hand gehen, liegt daran, dass sie über einen Grat wandern, der auf der Linken (der Gefühlsseite) eine brodelnde, zischende, wabernde, intuitive Suppe hat, heiß und unberechenbar und zu seiner Rechten (der rationalen Seite) ein weites, klares, geordnetes aber ödes Feld liegt, kühl und kalkulierbar.

Zu sagen, die brodelnde Gefühlslava wäre das Glück, ist zu naiv, zu einfach. Doch auch die nachdenkliche Seite heißt genauso wenig Glück oder Unglück -
es ist der Geist, das menschliche Fühlen und Denken eines Menschen, der ständig über beiden Schluchten des Grates kreist und die Widersächlichkeit ihrer Natur lässt Unglück entstehen, ihre Harmonie aber Hoffnung, Lebensfreude und Liebe, alles, was das Glück zum Atmen braucht.

Pessimistische Menschen leben weniger unglücklich wie Optimistische. (Hat mal irgendein Philosoph, dessen Namen mir entfallen ist, erzählt) So unsinnig es zuerst klingen mag, so plausibel ist es letztendlich:
Die Hoffnung auf Glück zu ersticken beendet das Hin und Her, das Auf und Ab der Gefühle. Der Optimist aber, der so oft enttäuscht wird, kann gar nicht anders, als irgendwann in düstere Augenblicke, in Selbstmitleid zu versinken, auch wenn er es vielleicht nicht zugibt. Dennoch ist der Optimist voll (wenn auch oft blinder) Lebensfreude, der Pessimist aber löffelt täglich seine Schlaftabletten und Drogen aus negativer Einstellung, um das Glück, dessen baldige Abwesenheit ihn überfordern, ja zerschmettern würde, latent zu halten. Kein Unglück zu haben, heißt eben nicht automatisch, glücklich zu sein.

Und da jeder Mensch diese beiden Extreme vereint, mit dem Hang zum Einen oder anderen, gibt es theoretisch für jeden sein eigenes Lebensrezept. Nur ist dieses tief in einem Selbst vergraben, unter Nebeln und Wäldern aus zu erforschenden Selbst(er)kenntnis. Und oft straucheln wir auf dem schmalen Grat zwischen den zwei Welten, fallen und fallen und brauchen lange, um uns von diesem Sturz in solch ein Extrem zu erholen. Aber vielleicht werden wir mit der Zeit auch immer erfahrener was die Trittsicherheit angeht – mit der Zeit werden wir alle perfekte Bergsteiger und überqueren den schmalen Grat ohne zu Zögern, ohne ein Zittern, ohne zu Stolpern oder zu Fluchen. Aber nicht umsonst gibt es auch Freunde, deren Hand man beim Überschreiten ergreifen kann – ganz fest.

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